IMPROVISIEREN
🧩Teil 3: Prinzipien statt Techniklisten
Techniken stehen immer am Ende einer Handlungskette. Sie sind der letzte Schritt. Ohne Technik gibt es keinen Kontakt zum Gegner und damit keine Gegenwehr. Eine Technik ist nichts anderes als eine Botschaft. Sie sagt dem Gegner, das ist meine Aktion und nun reagiere darauf oder lass es.
Prinzipien beschreiben nicht die Technik. Sie beschreiben die Bedingungen, unter denen eine Technik sinnvoll eingesetzt wird. Direkt oder indirekt. Als Konter oder Initiative. Einzeln oder in Serie. Das Prinzip entscheidet nicht was geschlagen wird, sondern wie, wann und warum geschlagen wird.
Drills gehen noch eine Ebene davor. Sie suchen nach dem Anlass. Es gibt einen Grund, zu handeln. Der Gegner übt Druck aus. Eine Linie wird geschlossen. Raum geht verloren. Stabilität entsteht oder bricht. Genau dort beginnt der Drill. Bezogen auf das Bild eines Briefes ist die Technik der Brief selbst. Das Prinzip beschreibt, wie er formuliert wird. Der Drill erklärt, warum er überhaupt geschrieben wird bzw. den Anlass.
Im Überfall passiert genau das. Der Angriff beginnt chaotisch und ungeordnet. Der Körper sucht nicht nach Lösungen, sondern nach Bekanntem. Etwas, das sich vertraut anfühlt. Etwas, das schon einmal unter Druck erlebt wurde.
Die Hände gehen hoch. Die Arme schützen den Kopf. Ein „Cover-high“ entsteht. Dann kommt Druck auf diesen Cover, etwa durch einen Haken. Dieser Druck ist keine Überraschung. Er ist eine bekannte Variable. Genau dieser Druck wurde im Training unzählige Male erlebt und geübt.
Hier entsteht Handlung. Der Druck wird kurz aufgenommen, die freie Hand leitet weiter. Plötzlich ist Struktur da. Hubud-Lubud ist so ein Drill. Er ist kein Ziel, sondern ein Bewegungs-Zustand von Ordnung im Chaos. Ab diesem Punkt ist der Weg bekannt.
Unter Anwendung der entsprechenden Prinzipien wird gearbeitet. Stabilität wird gehalten. Druck wird aufgebaut. Winkel werden genutzt. Mit dem Prinzip der Überfütterung folgen Techniken in Serie. Der Gegner kann nicht alles gleichzeitig verarbeiten oder abwehren. Techniken sind notwendig. Ohne sie passiert nichts. Prinzipien machen sie einsetzbar. Drills verbinden beides mit Anlass und Timing. Improvisation entsteht nicht aus Freiheit. Sie entsteht, weil im Chaos etwas Vertrautes auftaucht.
Improvisieren bedeutet nicht, kreativ oder spontan zu sein. Improvisieren bedeutet, ohne Absprache und ohne Vorbereitung mit dem zu arbeiten, was vorhanden ist und mit dem, was der Gegner anbietet.
Im Ernstfall ist nichts mehr geplant. Es gibt keine Abfolge und keinen gemeinsamen Rhythmus. Das Chaos entsteht durch Nicht-Wissen, durch Unbekanntes und dadurch, dass dieses Unbekannte plötzlich und unerwartet auftritt. Genau hier übernimmt der Körper.
Ein gutes Beispiel ist Stolpern auf der Straße. Niemand plant diesen Moment. Der Körper reagiert reflexhaft, fängt das Ungleichgewicht ab und stellt Stabilität wieder her. Das passiert ohne Nachdenken und ohne bewusste Entscheidung. Wer schon einmal gestürzt ist, weiß, wie schnell das geht. Der Körper improvisiert mit dem, was ist und mit dem, was er hat.
Ein weiteres Beispiel ist das Ausweichen mit dem Auto vor einem Hindernis. Taucht es plötzlich auf, bleibt keine Zeit für Planung. Der Körper lenkt, korrigiert und stabilisiert. Wer geübt ist, etwa durch viel Fahrpraxis oder Renntraining, erkennt bekannte Muster. Das Fahrzeug wird abgefangen und findet zurück in die Spur. Auch hier wird auf Basis dessen, was vorhanden ist, improvisiert.
Dasselbe gilt beim Tragen einer schweren Last, die plötzlich verrutscht. Der Körper gleicht das Gewicht aus, bevor man überhaupt versteht, was passiert ist. Diese Fähigkeit ist trainierbar. Sie entsteht nicht durch Wissen, sondern durch Erfahrung.
Im Überfall läuft genau dieser Prozess ab. Der Körper sucht im Chaos nach etwas Bekanntem. Findet er ein Muster aus dem Training, entsteht Ordnung. Ab diesem Punkt ist Handeln möglich. Improvisation bedeutet dann nicht Erfinden, sondern Anwenden dessen, was bereits im Körper verankert ist.
Improvisation ist kein Zeichen von Freiheit. Sie ist ein Zeichen von Vorbereitung.
Kampfkunst bedeutet nicht, für alles eine Technik zu haben. Kampfkunst bedeutet, vorbereitet zu sein, wenn nichts planbar ist. Kampfkunst ist Vorbereitung auf die Realität.
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