Improvisieren (2. Teil)

IMPROVISIEREN

Was im Ernstfall übrig bleibt.

🔸 Teil 2: Warum Drills im Ernstfall funktionieren

Im Ernstfall reagiert der Körper nicht ruhig und geplant. Adrenalin steigt explosionsartig an, der Puls geht hoch und die Muskelspannung verändert sich. Gleichzeitig wird das bewusste Denken gedrosselt, weil der Körper auf Überleben umschaltet. Dieser Zustand ist kein Fehler, sondern ein biologischer Schutzmechanismus.

Zwischen Angriff und Reaktion liegt messbare Zeit. Diese Zeit setzt sich aus Hirnschaltzeit, Nervenleitergeschwindigkeit und motorischer Reaktionszeit zusammen.

Zwischen Angriff und Reaktion liegt messbare Zeit. Die Hirnschaltzeit beträgt etwa 100 bis 200 Millisekunden. Die Weiterleitung über die Nerven benötigt weitere 20 bis 40 Millisekunden. Die motorische Reaktionszeit liegt selbst bei einfachen Reizen bei rund 200 Millisekunden. Unter Stress und Überraschung steigt sie deutlich an. Realistisch liegt die Gesamtreaktionszeit im Ernstfall bei über 500 Millisekunden.

Ein einzelner direkter Angriff benötigt je nach Distanz nur etwa 150 bis 300 Millisekunden, um ansatzlos das Ziel zu erreichen. Der Angreifer ist damit physisch bereits im Treffer, bevor eine bewusste Verteidigungsentscheidung überhaupt umgesetzt werden kann. Eine synchrone Abwehr ist biologisch nicht möglich. Sie funktioniert im Training, scheitert aber bereits im Wettkampf und erst recht im Überfall mit Überraschungseffekt.

Bedeutet: Jeder zusätzliche Entscheidungsschritt verlängert diesen Prozess. Das Gehirn prüft permanent, ob eine Handlung sicher erscheint, bzw. wägt ab. Je mehr Optionen es bewerten muss und je mehr Entscheidungsschritte getroffen werden müssen, desto langsamer wird die Reaktion insgesamt.

Deshalb kann kein Mensch synchron verteidigen. Weder früher noch heute noch in absehbarer Zukunft. Der Angreifer ist dem Verteidiger immer zeitlich voraus, mindestens um genau diese Reaktionszeit. Das zeigt sich bereits im sportlichen Wettkampf, obwohl dort kein echter Überraschungseffekt vorliegt. Im realen Überfall kommt dieser Effekt noch hinzu und verlängert die Reaktionszeit zusätzlich.

Anders erklärt: Der Angriff kommt immer aus der Zukunft. Er ist bereits unterwegs, während die Verteidigung noch verarbeitet, was gerade passiert ist. Der Verteidiger reagiert zwangsläufig auf Vergangenheit. Auf einen Reiz, der schon stattgefunden hat. Der Angreifer handelt im Jetzt, der Verteidiger im Danach.

Genau deshalb kann Verteidigung nicht zeitgleich sein. Sie ist immer verzögert. Wer versucht, auf Sicht zu reagieren, ist bereits zu spät. Handlungsfähig bleibt nur, wer etwas mitbringt, das nicht neu entschieden werden muss. Training aus der Vergangenheit, das im Körper verankert ist, kann im Moment automatisch abrufbar werden.

So trifft ein Angriff aus der Zukunft auf ein vorbereitetes Nervensystem aus der Vergangenheit. Alles andere scheitert an Zeit.

Aus diesem Grund funktionieren Techniklisten nicht. Eine Liste setzt voraus, dass das Gehirn erkennt, entscheidet und auswählt. Genau das ist im Schock nicht zuverlässig möglich. Wer versucht, mögliche Angriffe gedanklich abzuarbeiten, verliert wertvolle Zeit. Diese Zeit hat man nicht.

Die erste Abwehr im Ernstfall ist daher zwangsläufig chaotisch. Sie ist nicht schön und nicht sauber. Ihr Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Überleben. Es geht darum, die erste Angriffswelle zu überstehen oder zumindest zu brechen. Erst danach entsteht Handlungsspielraum.

Genau hier kommen Drills ins Spiel. Drills speichern keine Techniken, sondern Muster. Diese Muster sind körperlich verankert und benötigen keine bewusste Entscheidung. Findet der Körper im Chaos etwas Bekanntes, stabilisiert sich das Handeln. Bewegung wird wieder lesbar, Druck wird eingeordnet und Orientierung kehrt zurück.

Ab diesem Moment kann auf trainiertes Repertoire zurückgegriffen werden. Nicht, weil die Situation einfach geworden ist, sondern weil sie wieder verständlich wird. Drills verkürzen keine Reaktionszeit. Sie umgehen sie, indem sie Entscheidungen überflüssig machen.

Das alles gilt nicht für Türsteher oder für Straßenschläger im Bierzelt. Diese Situationen sind Konfrontationen ohne echten Überraschungsmoment. Gemeint ist ausschließlich der Überfall, bei dem der Angriff beginnt, bevor das Denken überhaupt einsetzt.

Eben dieser Überfall geschieht in der Regel aus dem Hinterhalt. Er nutzt Überraschung, Nähe und einen Moment der Unaufmerksamkeit. Der Angriff beginnt, bevor er als solcher wahrgenommen wird. Genau das unterscheidet den Überfall von einer offenen Konfrontation.

Stehen sich Personen bereits gegenüber, ist es meist nur eine Frage, wer zuerst handelt. Dort greift das Prinzip „Strike First“. Das ist kein Überfall, sondern eine Eskalation mit Vorzeichen. Hier existiert zumindest minimale Vorbereitung auf beiden Seiten.

Beim Überfall funktioniert „Strike First“ nicht. Wer zuerst schlagen will, müsste den Angriff erkennen, bevor er begonnen hat. Das wäre so, als könne man in die Zukunft sehen. Die meisten Menschen können das nicht, weil sie keine Shaolin-Mönche mit erweiterten Sinnen oder einem dritten Auge auf dem Rücken sind.

Deshalb kommt der Angriff im Überfall aus der Zukunft, während die Verteidigung in der Vergangenheit beginnt. Genau aus diesem Grund scheitern synchrone Abwehrideen. Was bleibt, ist überleben, Chaos aushalten und dann auf das zurückgreifen, was im Körper bereits verankert ist: DER DRILL.

Im dritten Teil geht es um Prinzipien und darum, warum sie Technik ersetzen, wenn alles andere wegbricht.

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