„Du trainierst, um dich zu verteidigen oder trainierst du, um stärker zu wirken?“
Wir reden im Training oft von Selbstbeherrschung, von Disziplin, von innerer Ruhe. Aber wenn wir ehrlich sind: ein Teil von uns trainiert auch, um nicht schwach zu wirken, um bereit zu sein und um im Zweifelsfall nicht selbst das Opfer zu sein.
Genau hier beginnt das Paradox, denn was ist das anderes als eine persönliche Form der Aufrüstung? Ein Schutzschild, ein Signal: Mit mir legt man sich besser nicht an – ich weiß zwar nicht, ob ich gewinne, aber ich weiß, ich kann dir eine Menge Schaden zufügen!
Vom Dojo zum Weltgeschehen
Im Großen nennt man es Abschreckung. Staaten rüsten auf, um Frieden zu sichern. Sie kaufen Waffen, stationieren Soldaten, demonstrieren Stärke. Niemand will den ersten Schlag führen – aber jeder will bereit sein, falls es doch passiert.
Das Ziel ist Sicherheit. Das Ergebnis ist Angst. Denn je stärker einer wird, desto mehr fühlt sich der andere gezwungen, nachzurüsten. Und genau dieses Muster wiederholt sich im Kleinen – auf der Straße, im Training, in unseren Köpfen.
Aufrüstung im Kleinen
Wenn du eine Kampfkunst lernst, rüstest du dich körperlich und mental auf. Du trainierst Reaktion, Fokus, Technik. Du lernst, wie du dich schützt – und, wenn nötig, wie du triffst.
Doch gleichzeitig wächst mit jeder Trainingseinheit auch ein stilles Bedürfnis: gesehen zu werden als jemand, mit dem man sich besser nicht anlegt. Ob bewusst oder nicht – es ist menschlich. Niemand möchte wehrlos wirken.
Aber genau das ist das Problem: Wenn alle aufrüsten, wer bleibt dann noch unbewaffnet und wer wagt es, zuerst abzurüsten?
Das gefährliche Spiel der Abschreckung
Abschreckung funktioniert nur, solange sie nicht getestet wird.
Doch irgendwann wird sie es. Viele Straßenschläger, besonders jene mit Erfahrung oder Training, lassen sich nicht beeindrucken, wenn jemand sagt: „Ich mache Kampfsport.“
Warum sollten sie?
Sie kennen das Chaos, den Adrenalinschub, den Moment, in dem alles unkontrollierbar wird. Sie sind die Realisten der Gewalt.
Sie haben gelernt, was Schmerz bedeutet und dass Angst vergeht, wenn man oft genug verliert.
Du dagegen trainierst kontrolliert. Du hast Regeln, Partner, Matten, Grenzen. Du weißt: Am Ende des Trainings gehst du nach Hause.
Gesund. Ganz.
Aber auf der Straße gibt es keine Regeln, keinen Schiedsrichter, keinen fairen Abbruch. Die Realität ist roh, schmutzig und unfair.
Und sie fragt nicht, welchen Gürtel du trägst.
Theorie und Praxis
Die Theorie der Kampfkunst sagt: Wir trainieren, um nicht kämpfen zu müssen. Die Praxis sagt: Wir trainieren, um vorbereitet zu sein, falls es doch passiert.
Beide Ansätze sind richtig – aber sie schließen sich nicht aus, sie spiegeln sich. So wie das politische Wettrüsten: Niemand will Krieg, aber alle bereiten sich darauf vor. Und genau dadurch bleibt der Frieden ständig unter Spannung.
Also: Wie funktioniert Abschreckung wirklich – im Dojo, auf der Straße, zwischen Menschen? Schafft sie Frieden oder verlängert sie nur den Zustand der Angst?
Die unbequeme Wahrheit
Vielleicht geht es in der Kampfkunst gar nicht um Stärke, sondern um die Erkenntnis, dass Stärke nicht genug ist. Dass wahre Sicherheit nicht aus der Fähigkeit entsteht, zuzuschlagen, sondern aus der Fähigkeit, es nicht nötig zu haben.
Denn wer nur Stärke kennt, wird überall Gegner sehen und wer gelernt hat, mit sich selbst Frieden zu schließen, braucht niemanden mehr, den er besiegen muss.
— frei nach Sun Tzu