SELBSTVERTEIDIGUNG: WAS SIE KANN – UND WAS NICHT.
Über manche Dinge redet man in der Kampfsport-Welt lieber nicht. Nicht weil man sie nicht kennt – sondern weil sie dem Bild widersprechen, das viele gerne verkaufen. Wir sprechen es dennoch an, weil ihr es verdient. In der Sache geht es um zwei Szenarien, die auf der Straße vorkommen und die sich fundamental unterscheiden.
SZENARIUM 1: DU SIEHST ES KOMMEN.
Du läufst irgendwo auf einer Straße und merkst: Hier stimmt etwas nicht. Die Gruppe dort drüben. Die Art, wie die dich anschauen. Dieses diffuse Gefühl im Bauch, das keinen Namen hat, aber laut genug ist. Gavin de Becker, Sicherheitsberater und Autor des Standardwerks „The Gift of Fear“, nennt genau das den entscheidenden Überlebensvorteil: „Intuition is always right in at least two important ways: It is always in response to something. It always has your best interest at heart.“
Wenn du diese Signale liest – und ihnen folgst –, hast du Spielraum. Du kannst Routen ändern. Abstand schaffen. Die Situation verlassen, bevor sie sich zuspitzt. Genau das ist die wirksamste Form von Selbstverteidigung: die, die ohne Schlag auskommt. Sun Tzu hat das vor 2.500 Jahren so formuliert: „Er wird siegen, der vorbereitet wartet und den Feind unvorbereitet trifft.“
Unser Freund Andreas Liebsch – dessen Buch „Kampfsport? Kampfkunst? Selbstverteidigung? Das Geschäft mit der Angst“ wir empfehlen es sehr – trifft es genau: Die wichtigste Ressource in der Selbstverteidigung ist nicht die Technik. Es ist das Bewusstsein und das beginnt lange, bevor es zum Körperkontakt kommt.
In diesem ersten Szenario hat ein trainierter, aufmerksamer Mensch echte Chancen. Das sei klar gesagt
SZENARIUM 2: DER ÜBERFALL.
Du kommst z. B. vom Einkaufen. Kopf ist woanders. Alles ist wie immer. Aber dann – ohne Vorwarnung, ohne Chance zum Denken – bist du mittendrin. Das ist der Überfall und hier gelten andere Regeln.
Die Täter haben alles vorbereitet: den Moment, den Ort, wie viele sie sind, wie viel Gewalt sie einsetzen wollen. Du weißt von nichts. Du reagierst – wenn du überhaupt dazu kommst. Die Biologie lässt dabei keinen Interpretationsspielraum: Auf einen erwarteten Reiz reagiert der Mensch in etwa 0,25 Sekunden. Auf einen unerwarteten – und ein Überfall ist per Definition unerwartet – braucht er bis zu 0,50 Sekunden.
Der Polizei-Trainer Dennis Tueller hat 1983 in seinem bekannten Drill gezeigt, was das bedeutet: Ein Angreifer mit Messer kann aus sieben Metern Entfernung in 1,5 Sekunden treffen – bevor ein bewaffneter Beamter überhaupt reagiert hat. Wer zuerst handelt, hat den Vorteil. Punkt.
AUCH SPEZIALEINHEITEN HABEN KEINEN ZUGRIFF.
Jetzt kommt die Frage, die immer kommt: „Aber wenn man hart genug trainiert…“? Nein.
Am 4. Oktober 2017 wurde ein Team der US-amerikanischen Green Berets im Niger in einen Hinterhalt gelockt. Zwölf Männer, alle hoch ausgebildet, alle erfahren. Die Einheit hatte in den sechs Monaten zuvor 29 vergleichbare Einsätze ohne einen einzigen Zwischenfall absolviert. Verteidigungsminister James Mattis sagte anschließend, der Angriff sei als „unwahrscheinlich“ eingestuft worden. Vier amerikanische Soldaten und vier nigerianische Soldaten starben.
Die Angreifer hatten die Überraschung auf ihrer Seite – gegen Männer, die buchstäblich für nichts anderes ausgebildet worden waren (Quelle: U.S. Department of Defense, Niger Ambush Investigation Report, Mai 2018).
Das ist kein Versagen. Das ist die Realität des Überraschungsmoments. The Strategy Bridge, ein anerkanntes Forum für militärisches Denken, fasst nach jahrelanger Analyse zusammen: „Kein Militär hat das Problem der Überraschung je dauerhaft überwunden.“
Der britische Selbstschutzexperte Geoff Thompson – ehemaliger Türsteher mit Hunderten realer Konfrontationen – sagt es ohne Umschweife: Auf einen Angriff zu warten und dann zu reagieren ist strategischer Unsinn. Die Reaktion kommt zu spät. Immer.
WAS DAS HEISST – UND WAS ES NICHT HEISST.
Das ist kein Aufruf zur Hoffnungslosigkeit. Es ist ein Aufruf zur Ehrlichkeit. Wer versteht, dass diese beiden Szenarien grundverschieden sind, trainiert klüger. Nicht für das gute Gefühl, das die Wirklichkeit des Überfalls ausblendet, sondern für das, was wirklich hilft: Aufmerksamkeit. Situationswahrnehmung. Das Lesen von Körpersprache. Die Bereitschaft, einen Umweg zu gehen. All das schützt – solange man noch die Wahl hat.
Was, wenn man keine Wahl mehr hat? Dann kann ein gutes Training trotzdem etwas leisten. Es schärft die Reaktionsfähigkeit. Es gibt dem Körper Muster, die auch unter Schock abrufbar sind. Es stärkt die Psyche. Das ist real. Das zählt. Aber es hebt den Überraschungsvorteil des Täters nicht auf. Genau das ist der Punkt, der dazu führt, ob ihr solche Szenarien ohne größeren Schaden überlebt, oder ob ihr mit dem Denken untergeht, dass ihr die hier erwähnten Inhalte doch hättet ernster nehmen sollen.
Nehmt Abstand von Trainern, die euch etwas anderes erzählen und somit die Realität verschleiern, obwohl sie immer von „der Realität“ sprechen.
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