Selbstwirksamkeit

Selbstvertrauen ist kein Kampfsportprodukt 
Es ist einer der hartnäckigsten Sätze in der Kampfsportwelt: „Trainiere Kampfsport, dann wirst du selbstbewusster.“ Er klingt plausibel, wird in Vereinen beworben, auf Flyern gedruckt und von Kinderärzten, Pädagogen und Psychologen empfohlen. Trotzdem hält er einer fachlichen Prüfung nicht stand. Wer das verstanden hat, schaut danach anders auf den Kampfsport, auf die eigene Entwicklung und darauf, was Kinder wirklich brauchen.

Wie Selbstvertrauen tatsächlich entsteht
Selbstvertrauen ist kein Verhalten, das man sich antrainieren kann wie einen Kick oder einen Hebel. Es ist das Ergebnis eines inneren Prozesses, den die Psychologie seit Jahrzehnten erforscht. Der kanadisch-amerikanische Psychologe Albert Bandura hat dafür in den Siebzigerjahren den Begriff der Selbstwirksamkeit geprägt, also die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe durch eigenes Handeln bewältigen zu können. Bis heute ist dieses Konzept eines der am besten belegten in der gesamten Psychologie. Selbstvertrauen entsteht laut Bandura durch vier Quellen, die in absteigender Wirkung zusammenspielen: eigene Bewältigungserfahrungen, das Beobachten erfolgreicher Vorbilder, Rückmeldungen von außen sowie körperliche und emotionale Zustände.

Die mit Abstand stärkste Quelle sind die eigenen Erfolgserlebnisse. Menschen entwickeln Vertrauen in sich selbst, wenn sie immer wieder erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Das gilt für ein Kind, das zum ersten Mal einen Ball trifft, genauso wie für einen Erwachsenen, der eine schwierige berufliche Situation meistert. Ergänzt wird das durch Deci und Ryans Selbstbestimmungstheorie, die zeigt, dass innere Stabilität dann entsteht, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt werden: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Die Forschung dazu ist breit, die Befundlage klar.

Was das für den Kampfsport bedeutet
Kampfsport kann all diese Mechanismen bedienen. Regelmäßiges Training liefert Erfolgserlebnisse, ein guter Trainer liefert Rückmeldung, eine gute Gruppe liefert soziale Eingebundenheit. Genau das gilt aber ebenso für Fußball, Reiten, Klavier, Schwimmen, Schach oder das Erlernen einer Sprache. Eine Metaanalyse von Moritz, Feltz und Kollegen über 45 Sportstudien und 120 Korrelationen zeigt einen mittleren Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und sportlicher Leistung. Sie zeigt aber nirgends, dass eine bestimmte Sportart einen Sonderstatus hätte. Der Zusammenhang ist universell.

Damit fällt der beliebte Werbesatz in sich zusammen. Nicht die Kampfkunst erzeugt Selbstvertrauen, sondern die Erfahrung von Kompetenz, Fortschritt und Zugehörigkeit, die in vielen Bereichen entstehen kann. Wer trotzdem behauptet, Kampfsport sei hier besonders, verkauft eine Geschichte, keine Evidenz.

Warum sich der Mythos trotzdem hält
Das Bild vom unsicheren Menschen, der durch Training zum selbstbewussten Kämpfer wird, ist filmisch, eingängig, emotional. Es verkauft sich gut. Gleichzeitig suchen Menschen einfache Erklärungen für komplexe Entwicklungen, und Kontrolle im Körper wird schnell mit innerer Sicherheit gleichgesetzt. Fachpersonal aus Pädagogik, Medizin und Psychologie wiederholt diese Empfehlung oft unreflektiert, weil sie gesellschaftlich verankert ist. Die Folge sind Eltern, die ihre Kinder mit der Erwartung anmelden, ein bestimmtes Problem werde sich durch Kampfsport von selbst erledigen. Das ist nicht nur falsch, sondern kann Druck erzeugen, der genau das Gegenteil bewirkt.

Was Kinder wirklich brauchen
Ein Kind baut Selbstvertrauen dort auf, wo es regelmäßig erlebt, dass es etwas bewirken kann. Entscheidend sind nicht Gürtelfarbe oder Sportart, sondern Regelmäßigkeit, Begleitung, ehrliche Rückmeldung und das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören. Ein Kampfsportverein kann dafür ein sehr guter Ort sein, wenn die Didaktik stimmt und der Trainer die Kinder ernst nimmt. Ein Reitstall, ein Orchester oder eine Theatergruppe können das genauso leisten. Die Frage ist nie, welche Disziplin, sondern ob das Kind dort Entwicklung erlebt.
Für Eltern, Fachkräfte und Trainer heißt das: Der ehrlichste Satz, den wir zum Thema Selbstvertrauen sagen können, lautet nicht „trainiere dies oder das“, sondern „suche einen Ort, an dem dein Kind wachsen kann, und finde heraus, ob es dort wirklich Fortschritte macht“. Alles andere ist Werbung.

Was bleibt, ist eine einfache Wahrheit. Selbstvertrauen ist kein Produkt, das man kauft, sondern eine Erfahrung, die man macht. Der Kampfsport kann Teil dieser Erfahrung sein, er ist aber weder Voraussetzung noch Abkürzung. Wer das verstanden hat, trifft bessere Entscheidungen für sich selbst und für die Kinder, die ihm anvertraut sind.

Quellen: Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. Freeman. Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The „what“ and „why“ of goal pursuits. Psychological Inquiry. Moritz, S. E., Feltz, D. L., Fahrbach, K. R. & Mack, D. E. (2000). The relation of self-efficacy measures to sport performance: A meta-analytic review. Research Quarterly for Exercise and Sport. Schwarzer, R. & Jerusalem, M. (2002). Das Konzept der Selbstwirksamkeit.

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