Entscheidend ist nicht das System,
sondern dein Training.
Die Aussage von Dan Inosanto ist unbequem, aber ehrlich. Er sagt sinngemäß, dass niemand wissen kann, ob das System, das er trainiert, ihn im Ernstfall wirklich schützt. Niemand kann das wissen, egal wie lange oder wie ernsthaft er trainiert. Alles, was bleibt, ist die Hoffnung, dass das eigene Training trägt, wenn es darauf ankommt.
Damit sagt Inosanto aber nicht, dass manche Systeme untauglich seien. Er sagt im Gegenteil, dass jedes System grundsätzlich seine Berechtigung hat. Entscheidend ist nicht das System an sich, sondern die Art, wie es trainiert wird. Ein System schützt nicht automatisch, nur weil es existiert oder einen guten Ruf hat.
Genau hier liegt der Punkt, an dem viele scheitern. Ein System ist immer nur so gut oder so schlecht wie der Mensch, der es trainiert. Es macht einen enormen Unterschied, wie lange jemand trainiert, wie regelmäßig, mit welcher Intensität, mit welcher inneren Haltung und mit welcher Bereitschaft zur Veränderung. Wer Training wie ein Buch behandelt, das man nur dann aufschlägt, wenn es gerade passt, wird sich nicht weiterentwickeln. Wer nur das trainiert, was sich gut anfühlt, bleibt stehen, auch wenn er seit Jahrzehnten dabei ist.
Solange jemand weiß, dass er so trainiert und sich bewusst ist, dass dieses Training ihn nicht wirklich verändert, ist das zumindest ehrlich. Problematisch wird es dort, wo Menschen glauben, jedes Training bringe sie automatisch voran. Diese Menschen trainieren an der Realität vorbei. Wenn der Fortschritt ausbleibt, wird die Schuld fast immer nach außen verlagert. Das System passt angeblich nicht, der Trainer passt angeblich nicht oder der Verein passt angeblich nicht. Nach vielen Jahren dieser Haltung entsteht eine Blindheit für die eigene Verantwortung.
Wer hingegen motiviert und intensiv trainiert, wird zwangsläufig Fortschritte machen. Der Körper reagiert auf Belastung und entwickelt sich weiter, wenn er regelmäßig gefordert wird. Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit und Durchhaltevermögen entstehen nicht zufällig, sondern durch konsequentes Training. In diesem Punkt sind sich alle Systeme einig, egal welchen Namen sie tragen.
Trotzdem bleibt die zentrale Frage bestehen, die Inosanto aufwirft. Führt das, was ich trainiere, wirklich zu mehr Sicherheit im Ernstfall. Genau hier kommen psychologische Faktoren ins Spiel, die oft unterschätzt werden. Training wirkt nicht nur körperlich, sondern auch auf Selbstwahrnehmung, Selbstvertrauen und Stressverarbeitung.
Wenn jemand psychisch stabil ist, den ersten Schock einer Gewaltsituation übersteht und handlungsfähig bleibt, beginnt erst die eigentliche Arbeit. In diesem Moment sucht der Körper nach bekannten Mustern aus dem Training. Wer dort etwas findet, wird sich wehren, sich bewegen und nicht sofort aufgeben. Ob das am Ende reicht, weiß niemand, denn das zeigt sich immer erst im Ernstfall selbst.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Sicherheit nicht allein aus Technik entsteht. Wer seine Chancen im Ernstfall erhöhen will, muss zwei Dinge ernst nehmen. Der Körper muss leistungsfähig sein, denn er ist das Werkzeug, mit dem gearbeitet wird. Ein unbeweglicher, erschöpfter oder verletzter Körper kann keine Anforderungen erfüllen, egal welches System trainiert wurde.
Gleichzeitig muss der Kopf klar bleiben. Training sollte dazu führen, dass man sich selbst als handlungsfähig erlebt und Veränderungen wahrnimmt. Psychische Stabilität entsteht nicht nur im Training, sondern auch durch einen ausgeglichenen Umgang mit Arbeit, Beziehungen und Konflikten. Wer innerlich ständig kippt, wird auch im Ernstfall instabil reagieren.
Man sollte außerdem akzeptieren, dass es immer Menschen geben wird, die körperlich oder psychisch überlegen sind. Diese Realität lässt sich nicht wegtrainieren. Trotzdem hat jeder einen großen Teil selbst in der Hand, wenn es darum geht, seine eigenen Chancen zu verbessern.
Der Kern von Inosantos Aussage bleibt damit bestehen. Kein System gibt Garantien. Jedes System kann funktionieren, wenn es ernsthaft und konsequent trainiert wird. Körperliche und psychische Fitness sind dabei keine Nebensache, sondern zentrale Faktoren. Am Ende entscheidet nicht der Name des Systems, sondern der Mensch, der es lebt.