Vorurteile

Vorurteile

Die Top-Themen der heutigen Zeit: Häusliche Gewalt, Mobbing an Schulen, körperliche Übergriffe auf Frauen und Kinder, (brutale) Massenschlägereien, Einbrüche, Überfälle, usw. Niemand wünscht sich, Opfer solcher Gewalttaten zu werden, daher sind viele Menschen dazu bereit, in adäquate Abwehrmaßnahmen zu investieren. Das Training eines Kampfsportes wäre so eine Maßnahme. Sind aber alle Angebote seriös? Wie hoch ist die Einflussnahme durch „Hörensagen“ sowie durch die Medien? Welche Formen der Vorurteile gibt es, wie wirken sie in Entscheidungsprozessen und welche finden sich im Kampfsport wieder?

Unterteilung der Vorurteile

Bei Vorurteilen handelt es sich um soziale Urteile, die anerkannte Normen und Werte in Frage stellen. Diese Übertretung gesellschaftlicher Grenzen lassen sich grob in drei wesentliche Gedanken umschreiben:

  1. Verstoß gegen die Rationalität: Gewünscht wird, dass Urteile nur auf Grund sicherer und geprüfter Fakten gebildet werden. Bei Vorurteilen urteilt man übereilt und vorschnell ohne Wissen des genauen Sachverhalts. Gegenargumente werden nicht oder nur unzureichend anerkannt, es wird von Einzelfällen auf den Gesamtzusammenhang geschlossen.
  2. Verstoß gegen die Gerechtigkeit: Menschen oder Menschengruppen werden ungleich behandelt (z.B. Ausländer, Homosexuelle, Frauen).
  3. Verstoß gegen die Menschlichkeit: Intoleranz und Ablehnung gegenüber einem anderen Individuum mit einer z.B. anderen Religion oder Hautfarbe.

Auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist folgendes zu dem Thema Vorurteile nachzulesen:

Alle Menschen haben Vorurteile, sie sind in der Struktur des Denkens und Lernens angelegt. Wer kennt nicht die landläufigen Auffassungen über “die Blondinen”, “den Islam” oder “die Ausländer”. Vorurteile können jedoch zu Pauschalurteilen führen und Feindbilder festigen. Um Vorurteile zu entkräften ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich und zahlreiche Akteure wie Eltern und Familien, Schule und Jugendbildung gefragt. Sinnvoll sind Bestrebungen, die eine Stärkung der Persönlichkeit und des Selbstbewusstsein zum Ziel haben. Das neubearbeitete Heft erklärt aus soziologischer und psychologischer Sicht, was Vorurteile eigentlich sind. Es analysiert gängige Vorurteile und zeigt Gegenmaßnahmen auf.

[http://www.bpb.de; Information zur politischen Bildung; Heft 271; Tag der Recherche: 04.08.2018]

Unsere Lebensrealität

Vorurteile sind Bestandteile unseres Lebens. Je mehr Menschen ein Vorurteil stützen, umso glaubhafter wirkt es. Dabei rückt die Nachprüfbarkeit angesichts der entstehenden Gruppendynamik, der oft herrschenden Vertrauensfrage, sowie des oft blinden Vertrauens in (sich selbst ernannte) Autoritäten und Fachleute häufig in den Hintergrund.

Es besteht eine Wechselwirkung zwischen Vorurteilen, dem Egoismus einer Person, sowie dessen soziales Verständnis von Neigungen und Ablehnungen. Alles bleibt persönlich, subjektiv und zumeist strittig. Bei Vorurteilen handelt es sich keineswegs um Einstellungen oder Sichtweisen. Vorurteile haben eben immer nur die Anderen. Es gilt, etwas zu behaupten, was sich im Moment oder überhaupt nicht beweisen lässt.

Nehmen Flüchtlinge den Deutschen die Arbeit weg, lassen sich Muslime nicht integrieren, gibt es in Deutschland tatsächlich zu viele Ausländer, sind Homosexuelle abartig, Harzt-IV-Empfänger Sozialschmarotzer, haben die dümmsten Bauern tatsächlich die dicksten Kartoffeln und ist die Erde doch eine Scheibe? Man weiß es nicht, wenn man es ungeprüft für sich übernimmt, weil es einem in sein Lebenskonzept passt. So hilft jedes Vorurteil dem Anwender bei der Erklärung seiner Lebensphilosophie. Praktisch automatisch lenkt sich die Aufmerksamkeit weg von ihm, hin zur selbsterklärten Ursache.

Vorurteile erfüllen einen Zweck und sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Leider ist ein Vorurteil schneller in Umlauf gesetzt, als eines zu entlarven.

Vorurteile vs. Kampfkunst

In Deutschland gibt es einige verbreitete Vorurteile der KK gegenüber. Insbesondere Kinder und Jugendliche neigen dazu, daraus Superlative zu entwickeln und diese leichtgläubig an ihre Altersgenossen weiterzugeben. Ebenso werden die entsprechenden Vorurteile von älteren Menschen ge- und benutzt. So z.B. ist Judo für viele das Synonym für die Selbstverteidigung, wie Tempo für Taschentücher und das Kickboxen omnipotent. Ein weiteres Phänomen gilt dem Einstiegsalter: Eine Vielzahl von Menschen sind davon überzeugt, Kampfkunst wäre nur etwas für Kinder und Jugendliche – Erwachsene wären zu ungelenkig und für derartige Angebote nicht fit genug.

Eines der etabliertesten Irrtümer ist die Ansicht, Kampfsport wäre per se asiatisch – oft ist auch von den „asiatischen Kampfsportarten“ die Rede. Dies hängt womöglich mit der Popularität der sogenannten „Shaolin-Mönche“ zusammen. Nicht nur, dass ihnen eine geschichtsträchtige Vergangenheit nachgesagt wird, ebenso scheinen sie die Vertreter einer völlig unverfälschten Kampfkunst zu sein. Sie sind hart, ausdauernd, widerstandsfähig, gelenkig und allwissend.

Ein letztes, weit verbreitetes Vorurteil verbindet mit dem Kampfsport grundlegende Tugenden bzw. moralische Aspekte: Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Zurückhaltung, Disziplin, Ausdauer, Beweglichkeit, Hilfsbereitschaft, Selbstbewusstsein, etc. Mal ehrlich: Wo würde man bewusst derartige Attribute ausschließen? Die Wahrheit ist: Jede Sportart dieser Welt trainiert diese Qualitäten und wünscht sich ebenso nette, aufgeschlossenen, ausdauernde, usw. Sportler…

Die gängigsten Vorurteile in der Kampfkunst

Als Kampfsportler ist man unbesiegbar

Ein weit verbreiteter Irrtum, dem schon viele Kampfsportler und Kampfkünstler unterlagen. Niemand ist unbesiegbar, da eine Selbstverteidigungssituation weit mehr abverlangt, als den bloßen Einsatz von Technik. Ohne Frage hat man als Kampfsportler sicherlich durch sein Training Vorteile. Viele Kampfsportarten sind allerdings z. B. durch Gewichts- und Gürtelklassen, durch die Eingrenzung der Kampffläche, durch den Einsatz von Ringrichtern und die Limitierung der Techniken, in ihrem Realitätscharakter eingeschränkt. Auf der Straße gibt es derartige Begrenzungen nicht. Ebenso ist Fairness in einem Ernstfall nicht zu erwarten.

Man muss den Angreifer (3 x) warnen, bevor man sich verteidigen darf

Dafür gibt es keine rechtlichen Grundlagen. Auch wäre es absurd, einen Verteidiger aufzuerlegen, sich erst wären zu dürfen, sobald der Täter mehrmals gewarnt wurde. Abgesehen davon, wie hier wohl die Beweiskraft auszusehen hat, müsste der Verteidiger die ersten Angriffe wehrlos über sich ergehen lassen. Strategisch betrachtet würde der Verteidiger einen klaren Vorteil aus der Hand geben, müsste er vorher warnen. Niemand zwingt einen Täter, eine andere Person anzugreifen. Der Täter handelt aus freiem Willen. Letztlich ist es das Risiko des Täters, über die Kampfqualitäten der Opfer erst bei der unmittelbaren Abwicklung seines Vorhabens mehr zu erfahren.

Kampfsportler dürfen Ihre Techniken nicht auf der Straße anwenden

Auch hierfür gibt es keine rechtliche Grundlage. Jeder, der angegriffen wird, kann und darf sich selbstverständlich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen und so seine Gesundheit und/oder sein Leben schützen. Dies gilt natürlich auch für den Fall, dass andere Menschen angegriffen werden und man diesen Menschen zur Hilfe kommt.

Die meisten Opfer von Gewalttaten sind Frauen

Dieses Vorurteil hält sich seit Jahren und ist immer wieder Anlass reichlicher Aufregung und Forderungen. Zahlen des Bundeskriminalamtes belegen seit vielen Jahren, dass Jungen und Männer wesentlich häufiger Opfer von Gewalteten werden. Die entsprechende Statistik des BKA ist auf den Seiten der Internetpräsenz des Bundeskriminalamtes genau zu recherchieren. Bevor man sich also dem Empfinden und Mainstream widmet, sollten die Fakten Beachtung finden. Leider tragen Kampfsportvereine und /-schulen beträchtlich zu diesem Vorurteil bei, da z. B. Frauenselbstverteidigungskurse viel Geld in deren Kassen bringen. Ein enormer Wirtschaftszweig, von daher wird dieses Vorurteil immer wieder gut genährt.

Im Kampfsport lernt man nur Angriffstechniken

Abgesehen davon, dass zu klären wäre, was genau unter “Angriffstechniken” zu verstehen ist, entbehrt dieses Vorurteil jeglicher Realität. Bedauerlich ist es in diesem Kontext, dass häufig Lehrer das Training einer Kampfsportart explizit für Jungen ablehnen. Argumentativ begründen sie ebendies mit dem hohen Aggressionspotential bei Jungen. Durch das Erlernen von Angriffstechniken würden die Jungen weiteres zerstörerisches Handwerkszeug mit an die Hand bekommen. Damit würden sie mehr, denn je zu einer Gefahr für andere (Schüler und Lehrer) werden.

Was kann man selbst tun?

Um Vorurteile zu erkennen, ist die Fähigkeit bzw. die Motivation, sich im Kontext seiner Lebensrealität selbstkritisch zu betrachten, eine Voraussetzung. Menschen, Ereignisse, Angebote, Sloagans, Thesen, etc. auf ihre Vernunft, ihre Logik, ihre Humanität oder ihre Ehrlichkeit zu überprüfen, ist anstrengend. Dafür ist es unbedingt erforderlich, am Ball zu bleiben. Zum Erhalt der eigenen Glaubwürdigkeit, sowie zur Erlangung eines für sich vorteilhaften Ergebnisses macht sich der Aufwand bezahlt: Sozial bleibt man unabhängiger, humaner und kompetenter, der Nutzen einer Sache für einen ist erheblicher, da die Auswahl aufgrund persönlicher Attribute getroffen wurde, Vorurteile blieben außen vor.

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