Was ist Selbstverteidigung?

Was ist Selbstverteidigung?

Selbstverteidigung – ein Begriff, bei den man denkt zu wissen, was gemeint ist: Sich selbst verteidigen können. Der Fokus liegt auf können und nicht auf lernen. Viele verbinden mit der Selbstverteidigung auch ihr Bedürfnis nach Sicherheit. Was also ist die Selbstverteidigung? Wo sind Chancen, wo Grenzen, wo Versprechungen, wo die Realität?

In diesem Beitrag über die Selbstverteidigung spiegeln sich gleichfalls mein Wissen und meine Erfahrungen. Die haben sicher keine Allgemeingültigkeit und das würde ich auch nicht so verstanden wissen wollen. Ich bin kein Besserwisser, sondern jemand, der über 40 Jahre lang das „Geschäft mit der Selbstverteidigung“ live miterleben konnte. Ich habe in dieser Zeit die gesamte Entwicklung der Selbstverteidigung in Deutschland miterlebt und viele derartiger Systeme selbst trainiert, ausprobiert und miteinander verglichen. Daher habe ich eine konkrete Vorstellung darüber entwickeln können, welche Systeme sich wofür (z. B. zum sportlichen Vergleich, zur Fitness oder zur Anwendung auf der Straße) eignen.

Es ist nicht meine Absicht, jemanden mit den folgenden Gedanken zu belehren, zu bevormunden, auf die zu Füße treten oder zu verurteilen. Um im Thema voranzukommen, werde ich mich allerdings mit einigen, schon bestehenden Sichtweisen befassen. Bedeutet: Auch wenn es sich hin und wieder anders lesen sollte, möchte ich niemanden dadurch angreifen, sondern mich nur an diesen Sichtweisen orientieren.

 

Entstehung und Entwicklung

Für die Kampfkunst kultiviert wurde der Begriff Selbstverteidigung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts, als Erich Rahn das Jiu-Jitsu, eine aus Japan stammende „waffenlose Kampfkunst“, nach Deutschland importierte. Dieses System ist – kurz erklärt – die Kunst, in einer Verteidigungssituation durch nachgeben oder ausweichen zu siegen. Da der Fokus hierbei auf einen Menschen liegt, der sich selbst aktuell gegen einen Angreifer verteidigt, ist der Begriff Selbstverteidigung sehr naheliegend.

Heutzutage kennt jeder den Begriff Selbstverteidigung. Konsens in der öffentlichen Meinung ist, dass es um einen vor einem stehenden Täter geht, den man – durch etwas Training – besiegen kann. Entscheidend: Primär steht nicht der Täter, sondern der Verteidiger im Fokus. Mit dem richtigen Training in der richtigen Schule beim richtigen Trainer, den richtigen Techniken und der richtigen Einstellung ist der Erfolg garantiert. Die vielen YouTube-Videos unterstreichen dies. Gibt man dort den Begriff „Selbstverteidigung“ ein, spukt das System Unmengen an Videos mit klaren Titeln aus:

  1. Garantiert K.O. / kampfunfähig. Meine 3 effektivsten SV-Techniken
  2. Jeden Kampf gewinnen auf der Straße in der Selbstverteidigung…
  3. Ich zeige Leuten auf der Street Selbstverteidigung & Tipps
  4. Selbstverteidigung für FRAUEN – How to | SAT.1 Frühstücksfernsehen
  5. Schmerzpunkte treffen. Kampfunfähig in Sekunden, Verteidigung
  6. 3 Techniken zum Knock Out in der Selbstverteidigung
  7. Realistische Selbstverteidigung im Straßenkampf

Schauen Sie sich die Videos an. Jedes dieser Videos versucht zu überzeugen. Jeder Protagonist stellt dass, was er für unrealistisch hält, dem gegenüber, was für ihn realistisch ist. Viele machen sich darüber lustig, wie andere trainieren, wissen es besser, zeigen ihre Varianten und halten diese für ultimativ. Es gibt jedoch eine Gemeinsamkeit: Jedes dieser Videos beansprucht für sich „die Realität der Selbstverteidigung“.

Der Realitätscharakter der Videos richtet sich grundsätzlich an 4 wichtigen Punkten aus:
  • Dem Kampf: Einzelne Person gegen einzelne Person
  • Dem strategischen Vorteil: Ein einzelner, klar auszumachender Gegner
  • Dem Konstrukt: Verteidiger hat Angriffs-Dummy vor sich
  • Dem Sachstand: Verteidiger kämpft nur für sich (ist für niemand sonst verantwortlich)

Vorgetäuschte Realität

Wie man sehen kann, stehen sich in den Videos grundsätzlich zwei Personen gegenüber. Sämtliche Handlungen basieren demnach auf eben diesen Zweikampf bzw. den typischen Kampf „Mann gegen Mann“. In der Sache geht es also um einen einzelnen, allein agierenden Gegner. Außerdem wird in den Videos davon ausgegangen, dass dem Verteidiger eben dieser Gegner, als Kontrahent bewusst ist. Die Szenerien lassen also keine Irritationen oder Überraschungen zu. Verteidiger und Angreifer wissen, mit wem und mit wie vielen sie es zu tun haben.

Weiterhin wird in den Videos der Angreifer als willenloses Objekt dargestellt, sinnvolle Handlungen gehen nicht von ihm, sondern vom Verteidiger aus. Ein überaus beliebtes Szenarium für derartige Videos: Der Angreifer/Täter ist unintelligent, hat kein Konzept, hat immer nur einen „Schuss“ (Angriff) frei, kontert nicht, wehrt sich nicht und kann mit bestimmten Techniken überwältigt werden, was wiederum den Verteidiger als völlig überlegen, intelligent, durchblickend und letztlich als Gewinner aussehen lässt.

Ebenso zeigen die Videos nur eine von vielen Varianten, die in der Realität vorkommen: Man ist als Verteidiger alleine, also ohne Begleitung. Ein Vorteil – wenn man so will – weil man „nur“ sein eigenes Leben bzw. seine eigene Gesundheit zu schützen hat und für niemanden sonst verantwortlich ist. Was aber, wenn die kleine Tochter, der Sohn, die Freundin oder die eigenen Eltern dabei sind? In diesem Fall hätte das eigene Handeln unmittelbare Auswirkungen auf sehr nahestehende Personen. Spannende Frage: Wären die Techniken in den Videos dann immer noch umsetzbar?

Was letztlich völlig in den Videos fehlt: Da man gesetzlich zur Hilfe anderer Personen in Notsituationen verpflichtet ist, ergibt sich daraus die weitere, nicht ganz unwahrscheinliche Variante, dass man selbst gar nicht von Tätern angegriffen wird, sondern einen solchen Übergriff bei anderen Personen beobachtet. Dieses Szenarium müssten Sie aus den Medien kennen. Dort sieht man dann auch die Realität dieser Ernstfälle, wenn z. B. mehrere junge Männer einen vor ihm gehenden Mann – für diesen plötzlich und unerwartet – von Hinten zum Fallen bringen und auf Kopf und Körper herumtreten oder eine Frau von hinten – ebenfalls für diese plötzlich und unerwartet – eine Treppe hinunterschubsen.

 

Realität von Ernstfällen

Der Kampf „Person gegen Person“ findet nur in den seltensten Fällen statt, so z. B. evtl. bei Schützen- oder Bierfesten. Wesentlich häufiger kämpfen „Personen gegen eine Person“. Aus Sicht von Tätern ist es vielversprechender, gut koordiniert mit mehreren Leuten anzugreifen. Eigentlich selbsterklärend. Hinzu kommt, dass auch mehrere Täter nicht auf ihr Opfer zugehen und sich in Kampfstellung bringen und damit für das Opfer klar auszumachende Gegner werden. Damit würde sie einen weiteren Vorteil aus der Hand geben, den Überraschungseffekt.

Viele Übergriffe in der Realität funktionieren deswegen so gut, weil das Opfer völlig ahnungslos und überrascht überwältigt werden kann. Strategie der Täter ist es, ihrem Opfer sämtliche Vorteile zu nehmen und sie gar nicht erst zur Gegenwehr kommen zu lassen. Immerhin folgen Täter einem übergeordneten Ziel, welches – mehr oder weniger – rational bzw. irrational sein kann.

 
Täter im Ernstfall

Eine, der wirklich bitteren Realitäten der Selbstverteidigung ist es, Täter ausschließlich als Dummys anzusehen. In der Welt der Selbstverteidigung haben Täter so zu funktionieren, wie es der Verteidiger wünscht. Sie haben kein Eigenleben. In diesen Fällen wird die Selbstverteidigung also – bildlich gesprochen – zu einer Fernbediendung des Täters.

In der Realität besitzen Täter Intelligenz. Unglaublich, aber wahr. Sie entscheiden, wann und wo Aktionen stattfinden, planen ihr taktisch Vorgehen und welche Hilfsmittel (z. B. Waffen, Fesseln, Klebeband) ihnen dienlich sind. Vor allem sind sie bereits psychisch auf ihre Tat vorbereitet, in „Kampflust“ und sehr auf ihr Vorhaben fokussiert. Sie kennen das Risiko und sind sich über die rechtlichen Konsequenzen ihres Handelns bewusst. Auch Einzeltäter agieren ähnlich: Sie planen (manchmal auch nur sehr kurzfristig), entscheiden sich für Ort und Zeit, für eine zielführende Angriffstaktik und für Hilfsmittel.

Mit diesen Vorgehensweisen sind Täter außerordentlich erfolgreich. Eine Tatsache, die niemand bestreiten kann. Viele Täter praktizieren übrigens ebenfalls Kampfsport oder eine Kampfkunst oder kennen sich zumindest damit aus. Einige Täter trainieren dabei in der härtesten Kampfsportschule der Welt: Auf der Straße. Benutzen Täter Waffen, wie Pistolen oder Messer, ist davon auszugehen, dass sie i. d. R. auch damit umgehen können.

Zusammengefasst sind Täter deswegen so erfolgreich, weil sie zumeist „intelligent“ planen und vorgehen. Sie haben das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, sie bestimmen den Ablauf, sie sind motiviert, ihr Ziel (was auch immer das sein mag) durchzusetzen, sie puschen sich gegenseitig auf und sichern sich gegenseitig ab. Teamwork eben. Moralisch befinden sie sich mit der Tat auf einem anderen, vorher längst durchdachten Level. Mitleid gibt es nicht. Letztlich ist aus ihrer Sicht wichtig, ihre wahre Identität mit allen Mitteln zu schützen.

 
Opfer im Ernstfall

Aus Sicht der Opfer passiert der Angriff plötzlich und unerwartet. Nun weiß ich nicht, wie Sie als Leser diese Begriffe einordnen. Plötzlich und unerwartet weist für mich darauf hin, dass etwas völlig überraschend passiert. Zu vergleichen vielleicht mit diesem Spielchen zu Hause, bei dem man Mama oder Papa mal mit einem „bahhh“ überrascht, diese in kurzfristiger Schockstarre verharren und kurz darauf durchatmen, denn vor ihnen steht ja nur der Sohn oder die Tochter.

In einem Ernstfall muss man sich vorstellen, dass man genauso erschreckt wird, einschließlich dieser biologisch nicht zu unterbietenden Schrecksekunde. Im Unterschied zum oberen Spiel realisiert man allerdings nach diesem durchatmen den Alptraum, der sich vor einem auftut und zu dessen Hauptdarsteller man nun unfreiwilliger Weise wird.

Praktischer gedacht, passiert Folgendes: Man kommt vom Einkauf, ist vom Kino auf dem Heimweg, beim Spaziergang, beim Joggen, beim Geld abheben, auf der Couch zu Hause, etc. Man ist in Gedanken, bewältigt seinen Alltag, geht seinen Verpflichtungen nach: Plötzlich, unerwartet und von einer auf die andere Sekunde ändert sich die Situation: Man wird aus seiner intakten und funktionierenden Welt ins pure Chaos gerissen. Da man etwas Vergleichbares noch nie erlebt hat, kann man in dieser Situation auch auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen. Fortan ist nichts mehr so, wie es war.

Physisch und psychisch reagiert jeder anders auf Stress. Von daher skizziere ich hier nur kurz den Durchschnitt, Ausnahmen bestätigen die Regel. Physisch sorgt dieser Stress beim Opfer zu einer plötzlichen Ausschüttung von Adrenalin. Die Knie fühlen sich weich an, sie beginnen zu zittern. Man hat das Gefühl, in einem fremden Körper zu stecken, der Körper selbst lässt sich nur schwer oder gar nicht kontrollieren. Psychisch steht man unter einem Schock, welcher – mehr oder minder – schwer ausfallen kann. Von „nicht mehr ansprechbar“ und „schreiend“ hin zu „sich in sein Schicksal fügend“ kann alles dabei sein.

 

Training vs. Realität

In einem Selbstverteidigungstraining ist einem bewusst, dass man sich im Training befindet. Angriffe sind nicht ernst gemeint, Verletzungen nicht zu befürchten. Bedeutet: Hebel und Würger werden nicht durchgezogen, Schläge und Tritte nicht im Vollkontakt trainiert und – wenn doch – dann nur mit Schutzausrüstung, um das Verletzungsrisiko der Trainierenden zu minimieren. Egal, wie hart und ernsthaft trainiert wird: Nach dem Training wird evtl. geduscht, man geht nach Hause, entspannt sich. Verletzungen sind die Ausnahme, und wenn, dann blaue Flecke oder kleine Risse. Alles andere ist weder gewollt noch Ziel eines Trainings.

Im Training gibt es von daher auch keinen Überlebensstress. Macht der Verteidiger im Training einen (fatalen) Fehler, führt dies zu keinerlei physischen oder psychischen Konsequenzen, außer vielleicht zu dem Gedanken “Scheiße”. Szenerien sind abgesprochen, der Ort des Geschehens lässt sich durch nichts einem im Ernstfall vorzufindenden Tatort gleichstellen. Auch wenn man die Trainingshalle durch eine Tiefgarage ersetzt, verändert sich dadurch der Umstand nicht, dass der Tatort dadurch bekannt ist. Der Verteidiger (das Opfer) erhält damit eine wichtige Information. Wüsste er in der Realität, dass – sollte er heute die Tiefgarage benutzen – ein Überfall droht, würde er – in der Realität – die Tiefgarage einfach vermeiden. Da dem Verteidiger aber bewusst ist, dass es sich hierbei um ein Training handelt, lässt er diese Form der Übung über sich ergehen.

Weil es wichtig ist: Das Bewusstsein, sich beim Training und damit in Sicherheit zu befinden, lässt sich durch kein noch so realistisches Trainingsszenarium beeinflussen. Das Bewusstsein steuert maßgeblich unsere Handlungen. Es ist sozusagen der Filter, durch den unsere Reaktionen in Situation gepresst werden. Evolutionär funktioniert dieser Filter nach dem “entweder oder” – Prinzip: Entweder man ist nicht unter Stress (wie zu 99,99% unseres Lebens), es gibt also keine Gefahr für Leib und Leben, oder man befindet sich in großer Gefahr, womit physische und psychische tief in uns schlummernde Programme aktiviert werden (wie z. B. der Fluchtdrang, auch Übelkeit & Durchfall), die für die heutige Zeit mit den heutigen Bedrohungslagen nicht immer angemessen sind.

In einem Ernstfall ist einem also bewusst, dass man sich im Ernstfall und nicht im Training befindet. Es ist bewusst, dass Angriffe ernst gemeint sind und es ist bewusst, dass es um die eigene Gesundheit und das eigene Leben geht. Letztlich spielt sich der Ernstfall auch nicht innerhalb von 12 Runden á 3 Minuten ab. Es gibt keine festen Kampfzonen, keine Gewichtsklassen, keine Zeitbegrenzungen, keine Regeln und keine Schiedsrichter. Der Ernstfall ist eben nichts gleichbleibendes bzw. beeinflussbares. Kein Ernstfall gleicht einem Anderen, in einem Fall führt Gegenwehr zum Erfolg, im anderen Fall zum Tod. Sobald Waffen zum Einsatz kommen, ändern sich die Spielregeln, da eine Gegenwehr sehr häufig dramatische Folgen für Leib und Leben hat.

Sie sehen, dass die Szenerien aus den Videos so gar nicht das wiederspiegeln, was ich Ihnen hier als „die Realität“ oder „den Ernstfall“ beschrieben habe. Die Videos fokussieren ausschließlich mögliche Techniken innerhalb einer Labor-ähnlichen Situation. Obgleich diese Videos glaubwürdig suggerieren, sich sehr nahe an der Realität zu orientieren, kratzen sie diese – wenn überhaupt – nur minimal an.

Sich selbst in einem Ernstfall zu verteidigen ist also ein äußerst komplexes Unterfangen. In der Realität kann das Ergebnis einer gelungenen Selbstverteidigung daher auch das sein, dass man so einen Ernstfall einfach nur überlebt. Von daher könnte der Begriff Selbstverteidigung auch gut und gerne für eine Möglichkeit bzw. ein Angebot stehen, nicht aber für eine Garantie. Dazu eine vielleicht ebenso unangenehme Information: Auch Kampf- bzw. Selbstverteidigungssportler werden Opfer von Gewalttaten. Vielleicht ist das nicht so bekannt, dennoch aber ein Fakt.

 

Konträre Blickwinkel

Gerade die Japaner haben sich viel Mühe gegeben, der Selbstverteidigung ein sauberes Image zu verpassen: Weiße, saubere Anzüge, Verhaltens- und Ehrenkodexe, physikalisch intelligent verpackte Gesetzmäßigkeiten à la „wenig Aufwand große Wirkung“, oder „siegen durch Nachgeben“, die moralische Botschaft, dass man sich als Verteidiger auf der richtigen Seite befindet und das konzeptionelle Gerüst, wonach man sich – wie im Leben auch – vom Anfänger zum großen Meister entwickeln kann (vom Weiß- zum Schwarzgurt). Alles äußerst seriös.

Demgegenüber steht das Lager der „Hardliner“. Sie sehen die Selbstverteidigung als ultra-realistisches Szenarium. Von daher gehören weder das Tragen von Trainingsanzügen, noch die Einhaltung bestimmter moralischer Vorgaben zu ihrem Repertoire. Nach dem Motto „weniger ist mehr“ sortieren sie Ballast-Techniken aus. Die von ihnen propagierten Techniken sind omnipotent, mit ihnen soll man sich zu jeder Zeit an jedem Ort in jedem nur denkbaren Szenarium erfolgreich zur Wehr setzen können.

Alle anderen Ansichten über die Selbstverteidigung finden sich im Spannungsfeld der beiden oben genannten Pole wieder. Aus meiner Sicht ein Indiz dafür, dass sich der Begriff Selbstverteidigung einfach nicht einordnen lässt.

 

Meine persönliche Sichtweise

Um es vorweg zu nehmen: Für mich steht der Begriff Selbstverteidigung in meinem persönlichen Ranking für große Wörter mit wenig Sinn… gleich neben dem Begriff Fettkiller.

Im Laufe meiner über 40 Jahren Kampfkunsterfahrung habe ich eine eigene Sichtweise auf die Selbstverteidigung entwickelt. Der Begriff Selbstverteidigung ist in meinem Verständnis einfach nur ein Überbegriff ohne eigene, besondere oder gar schützenswerte Inhalte. Das Wort weist für mich lediglich auf eine Handlung hin, ohne diese als gut oder schlecht bzw. erfolgreich oder erfolglos zu kategorisieren. Die Selbstverteidigung ist damit für mich kein System oder eine Sportart, die man trainieren könnte. Es ist vielmehr eine Orientierung bzw. eine Richtungsvorgabe.

Wie oben erklärt, werden der Selbstverteidigung in der Gesellschaft gerne auch Superlative unterstellt: Jemand, der so etwas trainiert, wird unbesiegbar. So jemand ist souverän, freundlich aber bestimmend und jederzeit in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Genau damit wird geworben. Für mich ist daher der Begriff Selbstverteidigung auch abgegriffen und Lockmittel der Werbung. Frauen bewirbt die Selbstverteidigung mit der Illusion, sich als „schwache Person“ auch gegen stärkere Personen verteidigen zu können, Kindern (bzw. deren Eltern) wird suggeriert, mit etwas mehr Selbstwertgefühl und einem entschiedenen und auf sich aufmerksam machenden „STOPP“ einem entschiedenen Täter beeindrucken zu können. Somit wird die Selbstverteidigung sogar zu einer Art Arznei, die man – gut dosiert – einsetzen kann, um ein Symptom (z. B. Angst) zu bekämpfen.

Sicherlich: Das Training einer Sportart, so auch eines Selbstverteidigungssystems, schafft immer physische und psychische Verbesserungen. Diesbezüglich komme ich nun zu den Binsenweisheiten und insbesondere zu der, die besagt, dass man im Nachhinein immer schlauer ist. Bedeutet: Man kann nicht sein Sportlerleben lang konkret für den Ernstfall trainieren, weil man nicht weiß/nicht wissen kann, wie sich dieser wohl gestaltet, sofern man überhaupt jemals damit konfrontiert wird. Was also macht man mit Dingen, die man trainiert, von denen man aber nicht weiß, ob sie wirken? Einfach ausprobieren? Würden Sie sagen, dass der Ernstfall ein geeignetes Szenarium ist, um dort mit den Rezeptbüchern von Selbstverteidigungskursen zu experimentieren? Wie hoch wäre der Preis, wenn es nicht klappt?

Ich persönlich empfehle und trainiere deswegen auch keine Systeme mehr, deren Philosophie auf Ratschlägen beruht, wie: „Sie müssen sich auf jeden Fall immer wehren“, oder „Rufe STOPP und strecke den Arm raus, es wird schon jemand aufmerksam auf Dich“, oder „Benutze nur Deinen Handballen als Waffe“, oder der altbekannte aber ebenso falsche Tipp „Weglaufen ist die beste Verteidigung“. Bitte nicht missverstehen: Derartige Ratschläge können ja auch einen wahren Kern beinhalten. Das Problem: Man kann es dummer Weise nur in der Realität ausprobieren und dort führen Fehler zumeist zu gesundheits- oder lebensbedrohenden Konsequenzen. Dazu kann man also nicht raten, davon sollte man die Finger lassen. Diesbezüglich warte ich noch auf den Ratschlag, besser niemals in solche Situationen zu kommen…

Ich setze lieber auf Systeme, in denen man zu improvisieren lernt, da man genau das, nämlich Improvisationstalent, im Ernstfall dringend benötigt. Man muss lernen, mit dem umzugehen, was zur Verfügung steht und im „hier und jetzt“ reagieren können. Von daher sind z. B. Nehmerqualitäten ein “must have” im Ernstfall. Sich bei Niederschlägen und/oder Demütigungen durch die Täter nicht gleich hängen zu lassen und in sein Schicksal zu fügen, sind aus meiner Sicht grundsätzliche Voraussetzungen für das Gelingen einer eigenen Strategie. Angewendete Techniken sind letztlich nur das Produkt der Vorarbeit, da ich mich ja – je nach Technik – in einer gewissen Position und Entfernung zu einem anzugreifenden Ziel befinden muss. Ebenso muss ich gelernt haben, meine Waffen (z. B. Hände oder Kugelschreiber) schnell und hart einzusetzen.

Von daher trainiere ich keine Selbstverteidigungssysteme, sondern Kampfkünste. Ich kann – wie Sie oben lesen konnten – mit dem Begriff Selbstverteidigung nicht so viel anfangen. Ich weiß natürlich um die Anziehungskraft des Begriffes und natürlich nutzen wir (Verein) diese auch für eigene Werbezwecke. Was ich nicht mache: Etwas zu versprechen, bei dem ich von vornherein nicht in der Lage bin, es einzuhalten. Ich kann niemanden beibringen, sich selbst zu verteidigen, mit der Garantie, dass diese Selbstverteidigung dann auch in der Realität klappt und zum Erfolg führt. Dafür gibt es – wie Sie lesen konnten – einfach zu viele “wenns” und “abers” in einem Ernstfall. Wohl aber kann ich jemanden dabei helfen, sich auf Situationen, die in der Realität immer mal wieder vorkommen, besser einzustellen und adäquat zu reagieren. Mir geht es dabei um die Verbesserung sämtlicher, dem Körper zur Verfügung stehender Eigenschaften (z. B. Koordinationsvermögen, Kondition, Auffassungsgabe, Bewegung, Timing) und zuletzt um die pure Anwendung von Techniken. Auch aus dieser Sicht ist für mich der Begriff Selbstverteidigung völlig unpassend. Kampfkunst klingt da wesentlich einleuchtender. Denn die Kunst, den eigenen Kampfstil immer passgenauer an den Anwender mit seinen jeweiligen individuellen Größen (z. B. Gewicht, Größe, Alter, Vorlieben) anzugleichen, sollte doch das Ziel sein. Schließlich steht in einem Ernstfall kein Trainer neben seinem Schützling, demnach muss sich der Verteidiger über seine Möglichkeiten aber auch Grenzen bewusst werden/sein.

Das Training einer Selbstverteidigung bzw. eines Selbstverteidigungssystems wird mit meinen o. g. Überlegungen aber nicht gleich überflüssig. Auch würden Sie den falschen Schluss ziehen, wenn Sie aus diesem Artikel resümieren, dass ein derartiges Training unnütze oder schlecht ist. Richtig resümieren Sie, wenn Sie verstanden haben, dass so ein Training nicht für den Ernstfall zu empfehlen ist. Genau das ist der Punkt: Der Begriff Selbstverteidigung beinhaltet ideologisch den Ernstfall, ohne für ihn gewappnet bzw. geeignet zu sein. Allerdings: Jemand, der sich sportlich umfassend trainieren möchte, eine hohe Anforderung sucht, seine technischen Fortschritte messbar nachvollziehen lassen möchte und auch sonst mehr Fokus auf die Technik- und Prinzipienbeherrschung als auf die Realität legt, ist bei der Selbstverteidigung aber meines Erachtens in den besten Händen.

Derweil wird der Begriff Selbstverteidigung immer einen festen Platz im kollektiven Bewusstsein einnehmen, egal, von welcher Seite man ihn aus betrachtet. Wobei mir der sinngemäße Inhalt der Begriffe Kampfsport und Kampfkunst aus deren inhaltlichen Ableitung der Silben geläufiger erscheint, wirkt für mich der Begriff Selbstverteidigung wesentlich abstrakter, undurchsichtiger und lebenspraktisch entfernter. Ich erinnere mich allerdings, dass ich in meiner Jugend darüber anders dachte. In dieser Zeit ging vom Begriff Selbstverteidigung eher eine mystische, spannende und sehr anziehende Wirkung aus. Damals war allerdings mainstream, dass man in weißen Anzügen, mit Gürtelfarben und in barfuß trainierte, auch wenn man “hart” trainierte. So ändern sich die Zeiten. Mit wachsender Erfahrung öffnet sich eben der Vorhang vor dem Fenster, welches einem den Blick auf die Welt gewährt, immer weiter. Von daher bin ich sehr gespannt auf Ihre Rückmeldungen…

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