Realität des Ernstfalls

Realität des Ernstfalls

Ziel vieler Kampfsportler ist es, in Ernstfällen auf der Straße zu gewinnen. Die Vorlagen hierzu bieten Kino- und YouTube-Filme. Hintergrund hierfür ist ein möglichst realistisches Training, welches unmittelbar die Eigenschaften der Realität eines Ernstfalles aufgreift und in ein methodisch-didaktisches Training implementiert.

Dabei bestehen in den verschiedenen Kampfsport- und Kampfkunstlagern z. T. sehr unterschiedliche Ansichten über die Realität des Ernstfalls. Dementsprechend existieren viele unterschiedliche Trainingskonzepte, die allesamt für sich beanspruchen, realitätsnahe zu sein. Das wiederum ist für viele irritierend, die sich die Mühe machen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und somit z. B. in YouTube-Videos mit gänzlich anderen Sichtweisen über die Realität des Ernstfalls konfrontiert werden, als sie es von ihrem Trainer erfahren haben.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Realität des Ernstfalls insbesondere im Hinblick auf deren verlässlichen und weniger verlässlichen Eigenschaften bzw. Inhalten. Ziel ist es, eben dieser Realität klarere Konturen zu geben. Der Leser wird dabei mit einigen grundsätzlichen Gegebenheiten konfrontiert, die ihm im Kontext seiner eigenen Lebensrealität bekannt vorkommen sollten. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, warum Täter im Ernstfall mit ihrer Strategie i. d. R. so „erfolgreich“ sind und warum sie sich auch durch noch so viele zu erwartende Hindernisse, Probleme und Unsicherheiten nicht von ihren Absichten abbringen lassen.

Absicht dieses Artikels ist es nicht, Inhalte wissenschaftlich möglichst korrekt darzustellen. Dazu fehlt einerseits die Zeit für eine entsprechende Recherche, andererseits soll dass Thema auch nicht über-intellektualisiert werden. Vielmehr wird der gesunde Menschenverstand des Lesers gefordert. Grundannahme ist die, dass es nur eine einzige Realität gibt, die so ist, wie sie ist. Ebenso beschäftigt sich dieser Artikel grundsätzlich mit dem Regelfall. Wie so immer bestätigt die Ausnahme die Regel. Letztlich werde ich den Begriff „Kampfsport“ synonym für die Begriffe „Kampfkunst“ und „Selbstverteidigung“ verwenden – auch personenorientiert.

Beginnen möchte ich mit dem Begriff „Realität“, um einen einheitlichen Start in die Gesamtthematik gelingen zu lassen.

 

Was ist Realität?

Im Duden findet man zu dem Begriff „Realität“ die Synonyme „Wirklichkeit“, „reale Seinsweise“ und „tatsächliche Gegebenheit, Tatsache“. Im Wikipedia, der freien Enzyklopädie im Internet, liest man dazu Folgendes:

Als Realität wird im allgemeinen Sprachgebrauch die Gesamtheit des Realen bezeichnet. Als real wird zum einen etwas bezeichnet, das keine Illusion ist und nicht von den Wünschen oder Überzeugungen einer einzelnen Person abhängig ist. Zum anderen ist real vor allem etwas, das in Wahrheit so ist, wie es erscheint, bzw. dem bestimmte Eigenschaften „robust“ – also nicht nur in einer Hinsicht und nicht nur vorübergehend – zukommen (→ Authentizität). Realität ist in diesem Sinne somit dasjenige, dem „Bestimmtheit“ zugeschrieben werden kann. Ein intentionales Objekt (z. B. eine Überzeugung, eine Einschätzung, eine Beschreibung, ein Bild, ein Film oder Computerspiel) gilt dann als realistisch, wenn es die Eigenschaften der darzustellenden Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht und ohne Verzerrungen wiedergibt (→ Realismus).

Sucht man im Internet das Gegenteil von Realität, so heißt es:

Fiktion, Surrealismus, Illusion, Phantasie, Traum, Virtualität, Irrealität, Einbildung, Vorstellung, Trugbild, Täuschung, Schein, Irrglauben, Lüge, Wunschwelt, Beschiss, Betrug, Finte, Irreführung und Trug.

Demnach ist die Realität das, worauf wir alle (jeder Mensch) schauen und das, was für alle gleich ist: Bäume, Häuser, Autos, die Sonne, das Wetter, Kaufhäuser, Feiertage, etc. Die Realität endet und mündet in die Individualität, wenn sie von Personen interpretiert wird. So können Bäume – je nach Sichtweise – groß, stark oder am wachsen sein. Straßen sind für den Einen zu eng, für einen Anderen zu holprig. Das Wetter ist dem Einen zu warm, dem anderen zu nass. Kurzum: Der Baum, der am Straßenrand steht, ist Realität. Der schmale Baum am Ende der Straße hingegen die Interpretation der Realität. Irritierend ist es und interessant wird es, wenn Menschen Realitäten interpretieren aber der festen Überzeugung sind, die Realität selbst zu beschreiben.

Wenn eine Person etwas sieht, was andere Personen nicht sehen und was nicht für alle gleich ist, handelt es sich entsprechend um eine Vorstellung, eine Phantasie, eine Illusion, etc. der Person oder – exakter ausgedrückt – um deren Beobachtung. Um es an einem praktischen Beispiel zu verdeutlichen: Menschen behaupten, UFOs gesehen zu haben. Wenn alle anderen Menschen auf der Welt dieses UFOs ebenfalls gesehen hätten, wären UFOs Realität – so, wie es auch Flugzeuge sind. Realität diesbezüglich ist allerdings, dass nicht alle Menschen UFOs gesehen haben, womit die Behauptung der Menschen, es gebe UFOs, lediglich durch deren Beobachtung gedeckt wird aber keinesfalls Realität ist.

Nachdem nun geklärt ist, was in diesem Artikel unter der „Realität“ zu verstehen ist, fehlt noch die Klärung, was überhaupt ein Ernstfall ist. Da dies zugleich der Kern dieses Artikels ist, muss der entsprechende Inhalt umfangreicher ausfallen, wird m. E. dadurch aber nicht uninteressanter. Auch hier beginne ich zunächst mit dem Versuch, eine einheitliche Idee des Begriffs zu formulieren.

 

Was ist der Ernstfall?

Im Wiktionary ist unter diesem Wort und dem Unterpunkt „Bedeutung“ Folgendes zu lesen:

Kritische Situation, in der ein als negativ eingeschätztes Ergebnis einzutreten droht. Im Duden findet sich eine ähnliche Erklärung: das Eintreten eines für möglich gehaltenen [gefährlichen] Ereignisses.

Der Ernstfall subsummiert demzufolge kritische Situationen bzw. bedrohliche Ereignisse in sich. Die Qualität der Gefahr misst sich hierbei grundsätzlich am jeweiligen eigenen Ego, wobei es primär um die Bedrohung der eigenen Gesundheit bzw. des eigenen Lebens und sekundär um die Gefährdung anderer Menschen (z. B. Familie, Freunde, Bekannte, sowie Unbekannte) geht, die sich zum Zeitpunkt der Bedrohung in unmittelbarer Nähe der Örtlichkeit des Ernstfalles befinden. Diese Sachverhalte sollten gerade für diejenigen Kampfsportler interessant sein, deren Training überwiegend das Szenario „Mann gegen Mann“ abarbeitet.

Was genau macht so einen Ernstfall aber gefährlich? Wie muss sich eine Situation darstellen bzw. entwickeln, welche Ereignisse müssen Aufeinandertreffen und wie müssen die jeweiligen Protagonisten agieren, damit sich eine zuvor „normale“ Begebenheit zu einem Ernstfall entwickeln kann? Welche Einflussmöglichkeiten haben Opfer, um vorteilhaft in einem Ernstfall zu agieren?

Um diese und weitere damit einhergehende Fragen abzuarbeiten, habe ich „den Ernstfall“ exemplarisch in drei für mich wesentliche Eigenschaften eingeteilt: In die Einzigartigkeit eines derartigen Vorfalles, in dessen Unvorhersehbarkeit und dessen menschlicher Komponente.

 

Zur Einzigartgkeit

Der Ablauf eines jeden Ernstfalls, ist sowohl für das Opfer, als auch für den Täter einzigartig. Untersuchen wir z. B. Banküberfälle, so gibt es durchaus einige unvermeidliche und somit halbwegs kalkulierbare Momente: Der Bankräuber muss den Innenbereich der Bank betreten und er muss das Geld einfordern. Der weitere Ablauf jedoch hängt von der dann im „hier und jetzt“ stattfindenden Dynamik ab. Niemand kann vorhersagen, wie sich die Situation ab einem gewissen Punkt weiterentwickelt (z. B. Bankräuber flieht mit Beute, Bankräuber flüchtet ohne Beute, Bankräuber nimmt Geiseln, Bankräuber verletzt Kunden, Bankräuber gibt auf, etc.). Es gibt hierzu etliche Szenarien.

Genau diese Einzigartigkeit von Begebenheiten kennen wir aus etlichen Episoden unseres Alltagstrottes. Hierzu zählen z. B. Einkäufe, Restaurantbesuche oder Arztbesuche. Über das Jahr gerechnet führen wir diese Events etliche Male durch und dennoch: Keine dieser Begebenheiten ist identisch mit Anderen. Teilweise liegen die Unterschiede in feinen Details, teilweise in größeren Nuancen.

Dieser Fakt ist für unsere Betrachtungen außerordentlich wichtig, da er im Subtext beinhaltet, dass in unserer Lebensrealität einerseits Dinge grundsätzlich unvorhergesehen passieren, andererseits man sich eben auf diese Dinge, weil sie unvorhersehbar sind, nicht vorbereiten kann. Ergo: man lässt die Dinge auf sich zukommen und reagiert angemessen auf sie. Das Fachwort hierfür ist Improvisation.

Genau diese Einzigartigkeit finden wir beim Ernstfall wieder: Kein Ernstfall ist mit einem anderen identisch. Weder Täter noch Opfer wissen per se, wie eine Tat verlaufen bzw. enden wird, da es im „hier und jetzt“ viele Faktoren gibt, die eine Rolle spielen bzw. zu berücksichtigen sind. Schließlich spielt selbst der Zufall eine Rolle (z. B. bereits bei der Auswahl des Opfers).

Das ist der Grund, warum – aus Sicht eines oder mehrerer Täter – eine gute Planung von Vorteil ist: Sie soll den Erfolg der Aktion insofern absichern, als dass allein durch die gut getimte und kompromisslose Vorgehensweise Zufälle minimiert bis ausgeschlossen werden. So z. B. muss aus Tätersicht die Frage nach der Anwendung von körperlicher Gewalt zur Zweckerfüllung vorher entschieden werden. Einerseits werden dadurch moralische und ethische Grundsätze außer Kraft gesetzt, mit denen sich der/die Täter folglich nicht mehr während der Tat befassen muss/müssen (Herabsetzung der Hemmschwelle). Andererseits soll ein klares und energisches Auftreten der Täter – also ein brutales Vorgehen – die Opfer einschüchtern und deren Widerstand verringern (Abschreckung). Opfer sollen wissen: Eine Gegenwehr bedingt eine erbarmungslose Konsequenz. Letztlich werden diese Ideen durch die Präsenz der Täter unterstrichen. Je mehr Täter, umso höher sie Erfolgsaussichten. Eine naheliegende Erklärung dafür, dass immer häufiger von Angriffen mehrerer Täter zu lesen bzw. zu hören ist.

Die Erkenntnis: Dadurch, dass jeder Ernstfall einzigartig ist, lassen sich gleichfalls keine seriösen und/oder verlässlichen Vorgehensweisen, Strategien oder Regeln aufstellen, die zum Ziel haben, potentiellen Opfern zu garantieren, gesund und/oder lebend aus einer derartigen Situation herauszukommen.

 

Zur Unvorhersehbarkeit

Wird ein Mensch Opfer eines Ernstfalls, war das Ereignis selbst grundsätzlich nicht vorhersehbar. Man muss verstehen: Nicht vorhersehbar ist das Gegenteil von vorhersehbar. Man kann etwas nicht vorhersehen, vorherahnen und ist somit ahnungslos. Hierzu bemühe ich den DUDEN:

Un·vor·her·seh·bar /únvorhersehbar/ Adjektiv: sich nicht vorhersehen lassend – „unvorhersehbare Ereignisse“. Interessant sind ebenso die Synonyme dazu: „Entgegen den Erwartungen“, „gegen alle Wahrscheinlichkeit“, „unerwartet“ und „ungeahnt“

Ich habe mir lange überlegt, welches beispielhafte Szenarium ich hier beschreiben kann, um eine Idee davon zu geben, warum diese „Unvorhersehbarkeit“ so ein großes Thema in der Realität von Ernstfällen ist. Hängen geblieben bin ich beim Autofahren. Auch hierfür ist – wie beim Kampfsport – ein spezielles Training notwendig. Die Betreffenden sollen einerseits die technischen, elektrischen und manuellen Gegebenheiten eines Autos kennen und „beherrschen“, andererseits mit diesem Wissen eine sichere Fortbewegung in Wechselwirkung mit den anderen Autofahrern (Straßenverkehr) gewährleisten.

Der Straßenverkehr besteht demnach aus Auto-, Lastkraftwagen-, Motorrad-, und Fahrradfahrern, sowie Fußgängern, die zu einem Zielort unterwegs sind und deren ureigene Absicht es ist, dort auch unbeschadet anzukommen. Warum? Weil einerseits niemand vorsätzlich die Gesundheit oder das Leben von sich selbst oder anderen gefährden will, andererseits Schadensregulierungen (Schriftkram, finanzielle Einbußen, Herabstufung in der Versicherung, etc.) unbedingt vermieden werden wollen.

Jeder geht oder fährt daher – mehr oder weniger – vorsichtig. Flankierend hierzu existieren diverse Hilfsmittel (z. B. Ge- bzw. Verbotsschilder, Ampeln, Zebrastreifen und letztlich auch die Straßenverkehrsordnung), um die Sicherheit zu gewährleisten. Dennoch wissen wir: Eine 100%ige Sicherheit gibt es nicht. Unfälle (Ernstfälle) passieren dennoch.

Wenn also konstatiert werden kann, dass Verkehrsteilnehmer (außer suizidale = Ausnahme) Unfälle unbedingt vermeiden wollen, stellt sich die Frage, warum dennoch Unfälle passieren. Die Antwort ist simpel: Weil Verkehrsteilnehmer unachtsam sind und/oder ein oder mehrere Fahrzeuge außer Kontrolle geraten. Entscheidend bei diesen Ereignissen ist, dass es – für alle Beteiligten – plötzlich und unerwartet passiert. Der einzige Grund, warum Unfälle so passieren, wie sie passieren ist deren Unvorhersehbarkeit. Der Umkehrschluss: Wären technische Pannen und/oder menschliches Versagen für alle Verkehrsteilnehmer vorhersehbar, würden Unfälle vermieden werden können. Von daher würde jeder Verkehrsteilnehmer ein so effektives Hilfsmittel, wie die Vorhersehbarkeit, sofort nutzen, würde es sie geben. Alles nur Konjunktiv.

Die Realität von Unfällen ist allerdings die, dass sie – dort wo sie passieren – nicht vermieden werden können, weil sie für niemanden vorhersehbar sind.

Für unser Thema interessant ist auch der Blick auf die Unfälle selbst. Dadurch, dass sie nicht vorsehbar sind, begrenzen sich Reaktionen – so denn überhaupt noch reagiert werden kann – grundsätzlich auf zwei Bereiche: Bremsen und Ausweichen. Übergeordnet bezieht sich die Reaktion aller Beteiligten auf Vermeidung. Wichtig zu verstehen ist, dass in diesen Situationen keine geplante oder nur „antrainierte“ Aktion möglich ist. Reflexe übernehmen die Kontrolle, weil sich die Evolution grundsätzlich in lebensbedrohliche Situationen einmischt.

Im Übrigen betrifft dies auch Teilnehmer, die vorher z. B. ein Sicherheitstraining absolvierten oder selbst im Rennsport tätig sind, denn auch sie wurden bereits Opfer von größeren oder kleineren Verkehrsunfällen. Der Grund ist simpel: Vielleicht würde ihr langjähriges Training dazu führen, dass sie reflexartig „richtig“ reagieren, wären da nicht die anderen Verkehrsteilnehmer, über die niemand die Kontrolle hat, außer die Physik. Man kann hierbei auch von mindestens einer „unberechenbare Größe“ sprechen.

Zusammengefasst treffen bei einem Unfall also drei entscheidende Faktoren zusammen: Zuerst ein unvorhersehbares Ereignis, die darauffolgende, jeweils individuelle Reaktionen aller Beteiligter und die äußeren Bedingungen (hier: die Physik).

Die Übertragbarkeit auf die Realität eines Ernstfalles liegt auf der Hand. Dreh- und Angelpunkt ist auch hier das unvorhersehbare Ereignis. Der Unterschied zum obigen Beispiel ist der, dass diese Unvorhersehbarkeit Teil des Planes eines oder mehrerer Täter ist, also – im Gegensatz zum Unfall – absichtlich bzw. gewollt herbeigeführt wurde. Auch Täter wissen: Je plötzlicher und unerwarteter sie gegenüber ihrem Opfer auftauchen, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass dem Opfer keine sinnvollen, der Situation angemessenen Strategien zur Verfügung stehen. Opfer werden somit auf ihre jeweiligen evolutionären Optionen reduziert.

Bedeutet: Unvorhersehbar bedingt, sich unweigerlich auf ein Ereignis einlassen zu müssen und erst nach dessen unmittelbaren Eintreffen innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde eine Entscheidung (Reflex) zur Abwendung der Gefahr treffen zu können.

Damit sollte deutlich geworden sein, was dieses kleine und unscheinbare Wort „unvorhersehbar“ für eine riesige Bedeutung in der Realität eines Ernstfalls hat. Da es hier um Reflexe geht, ist dies ein guter Moment, dieser Eigenschaft die Möglichkeiten und Grenzen des Menschen gegenüber zu stellen.

 

Zur Menschlichkeit

In einem realen Ernstfall stehen sich Menschen gegenüber. Der Mensch setzt sich aus weitaus mehr, als dem sichtbaren Äußeren, zusammen. Für einen Ernstfall ist allerdings von erheblicher Bedeutung, was ein Mensch für Fähig- und Fertigkeiten mitbringt, wie er diese zielgerichtet zum Einsatz bringt und worauf er keinen Einfluss hat. Von daher lohnt es sich, das Handwerkszeug des Menschen, mit dem er tagtäglich seinen Lebensalltag bestreitet, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das, was den Menschen als Individuum ausmacht, habe ich kurzerhand in drei Kategorien skizziert. Ich unterscheide im Folgenden zwischen dem biologischen, dem sozialisierten und dem historischen ICH. Diese drei Faktoren sind es m. E., die einen Menschen im Wesentlichen in seinem Verhalten und in seinen Möglichkeiten beeinflussen bzw. steuern.

 
Das biologische ICH

Evolutionär ist jeder Mensch mit sich teilweise widersprechenden Überlebensstrategien ausgestattet. Einerseits gibt es den Selbsterhaltungstrieb, dessen Grundsatz das eigene Leben höher als das Anderer bewertet, andererseits die (wissenschaftlich gesicherte) Erkenntnis, in sozialer Isolation nicht existieren zu können. Um das Überleben unserer Spezies zu garantieren, hat uns die Natur deshalb mit einigen Raffinessen ausgestattet, wie z. B. mit äußeren und inneren Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, kinästhetische System) Nachrichtenübertragungswegen (Hormone, Nerven), Reflexen, einem inneren sozialen Kompass (z. B. moralisches Empfinden, Empathie) und einem dicken EGO, welches darüber wacht, all diese Dinge primär für sich zu nutzen.

Alle Empfindungen, Reize, Nachrichten und Ereignisse werden im Gehirn als zentrales Organ bearbeitet. Das Gehirn erstellt verlässlich ein Ranking bezüglich der Wichtig- bzw. Vorrangigkeit der jeweiligen Informationen und reagiert, in dem es im Körper über die entsprechenden Nachrichtenwege Aufgaben bzw. Antworten an die Betreffenden Adressaten (Organe oder Körperteile) sendet. Diese Sendungen wiederum erfolgen dann entweder per Hormone (z. B. Adrenalin) oder – wenn es ganz schnell gehen soll – per Nervenimpulse. Die Schnelligkeit dieser Datenübertragung erfolgt mit ca. 0,1 Sekunde pro Meter. Wichtig: Hierbei handelt es sich um eine konstante Größe, die nur minimale Abweichungen aufgrund der vorhandenen Infrastruktur (z. B. dickere oder dünnere Nervenleiter) zulässt.

Die Relevanz für die Realität des Ernstfalls ist die, dass eine Verteidigungshandlung immer und grundsätzlich zeitverzögert zum Angriff stattfindet. Diese 0,1 Sekunden Nervenleitgeschwindigkeit pro Meter beschreiben ja lediglich die Endphase einer Verteidigungshandlung. Davor stehen die Entscheidungsschritte des Gehirns, als da wären die Erkennung und Einstufung des Angriffs, sowie die Entscheidung über das weitere Vorgehen. Erst nach Abarbeitung all dieser Prozesse erfolgen – in einem letzten Schritt – die Nervenimpulse an die entsprechenden ausführenden Organe und Körperteile. Der Punkt: Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Körper selbst noch keine einzige Abwehrhandlung vollzogen!

Wenn also die Zeit, die das Gehirn zum Verarbeiten der o. g. Informationen benötigt, mit einem Wert von 0, 15 Sekunden halbwegs seriös berechnet ist, subsummiert sich der Zeitraum der gesamten Verteidigungshandlung einer Person auf einen gut gerechneten Gesamtwert von insgesamt 0, 25 Sekunden (0,15 Sekunden Hirnschalt- und Verarbeitungszeit + 0,1 Sekunden Nervenleitergeschwindigkeit).

Die Gegenrechnung: Ein Angreifer, der ganz sicher schnell und kompromisslos angreift, benötigt für einen Angriff insgesamt zwischen 0,15 und 0,2 Sekunden. Unschwer zu erkennen ist, dass der Verteidiger – rein biologisch – bereits einen Nachteil hat, den er auch mit noch so viel Training nicht ausgleichen kann. Anders gesagt: Ein Verteidiger wird sich nie in Echtzeit verteidigen können, seine Verteidigung kann nicht synchron zum Angriff verlaufen.

Sie trauen meinen Zahlen nicht? Dann fordere ich Sie dazu auf, konstruktiv mit Ihrer Skepsis umzugehen und die von Ihnen recherchierten richtigen Zahlen in den Kommentaren zu ergänzen. Ansonsten gehe ich davon aus, dass meine Zahlen – zumindest sinngemäß – stimmig sind und dem Gesamtsachverhalt nicht widersprechen.

Mit dem Blick auf die Realität des Ernstfalls werden wir uns in diesem Kontext sicherlich schnell einig darüber, dass die Anzahl der Entscheidungsschritte aufseiten eines Opfers in einem Ernstfall so gering wie möglich gehalten werden sollten. Der Grund: Je mehr Entscheidungsschritte das Gehirn zu verarbeiten hat, umso höher die Reaktionszeit.

Genau mit diesen Kausalitäten haben so einige Kampfsportarten ihre Probleme. Sie unterscheiden sowohl zwischen der Art der einzusetzenden Waffe, als auch zwischen den Angriffsseiten und deren Winkeln.

Aus deren Sicht wird zwischen Angriffen die von links, recht und mittig kommen, unterschieden. Hier haben wir also den Faktor 3, da es sich bis hierher um 3 Entscheidungsschritte handelt. Auf allen drei Angriffsseiten wird wiederum unter drei unterschiedliche Angriffshöhen unterschieden: Jeweils oben, mittig und unten. Somit erhöhen sich die Entscheidungsschritte auf insgesamt 12, da ja sowohl mit der linken, als auch mit der rechten Angriffsseite jeweils mittig geschlagen werden kann. Letztlich wird zwischen geradlinigen und kreisförmigen Angriffen unterschieden, womit wir bei 24 Angriffsmöglichkeiten wären, die sich lediglich auf die Angriffe mit den Händen beziehen. Nicht eingerechnet habe ich z. B. die unterschiedlichen Angriffsdistanzen und die Vielzahl der unterschiedlichen Waffen des Körpers (z. B. Faust, flache Hand, Ellbogen, Knie und Kopf).

Bei dieser – auch nur groben – Betrachtung des Rüstzeugs, die Kampfsportarten ihren Teilnehmern mit auf den Weg geben, muss der kritische Blick auf die Realitätstauglichkeit dieser Kampfsportarten erlaubt sein. Es wird deutlich, dass Kampfsportsysteme, die mit universellen Lösungen möglichst viele Angriffsvarianten abarbeiten, weitaus realistischer sind, als Systeme, die für jeden Angriff eine andere Verteidigung vorsehen (Motto: 1000 Techniken für 1000 Angriffe).

 
Das soziale ICH

Egal, wo sich größere oder kleinere Gruppen bilden (z. B. bei der Arbeit im Team, in der Nachbarschaft oder einer Freizeitgruppe) ist deren Entwicklung grundsätzlich ähnlich dynamisch. Bereits nach kürzester Zeit ordnet sich die vorherige, vielleicht etwas chaotische Situation hin zu einer tragfähigen Struktur. Es beginnt mit dem Wunsch der Individuen, gehört zu werden und anderen zuzuhören. Damit kristallisieren sich bereits die ersten mutigen und vielleicht auch intelligenteren Gruppenmitglieder heraus, da es mehr oder weniger Überwindung kostet, sich einerseits anderen Menschen gegenüber zu öffnen und – andererseits – die richtigen Worte (plausible Argumentation) zu finden.

Je häufiger Aktionen, wie z. B. Gespräche, in einer Gruppe vollzogen werden (z. B. beim Elternsprechtag in der Schule), umso größer der Wunsch aller Beteiligten, diese Gespräche zum Zwecke der Erreichung guter Ergebnisse zu strukturieren. Von daher bestehen Gruppen grundsätzlich aus mindestens einer Führungsperson, aus Für- und Gegensprecher und aus Personen, die sich aus allem heraushalten – die sogenannten „Mitläufern“.

In vielen Bereichen, in denen es Voraussetzung ist, dass die Menschen in Gruppen bzw. in Teams funktionieren, wird versucht, positiv auf diese Entwicklungsprozesse einzuwirken, da es in der Zeit der Entwicklung durchaus zu größeren und kleineren Problemen kommen kann. So können sich beispielsweise innerhalb einer Gruppe mehrere Personen den Führungsanspruch streitig machen oder die Gesamtentwicklung einer Gruppe stagniert. Die Probleme liegen auf der Hand: In beiden Fällen würden permanente Auseinandersetzungen bzw. Krisen die Folge sein, ein einheitliches Arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin wäre in allen Fällen zumindest erschwert.

Damit sich Gruppen bzw. Teams von vornherein gut und gesund entwickeln, wird deren Entwicklung daher häufig über ein professionelles Coaching unterstützt. Auch in der Pädagogik bzw. Sozialpädagogik gibt es diverse Methoden, die Entwicklung von Gruppen (z. B. im Bereich der Heimunterbringung) zu unterstützen bzw. zu fördern, einschließlich der Möglichkeit, z. B. über ein sogenanntes „Soziogramm“ die Struktur einer Gruppe zu erfassen.

Wichtig zu wissen ist, dass sich jeder Mensch innerhalb einer Gruppe nach Struktur sehnt. Motivation hierfür ist vorrangig die Sicherheit, die eine derartige Struktur bietet bzw. bieten kann.

In diesem Kontext möchte einen kurzen Literaturhinweis geben. Es handelt sich um den Roman „Herr der Fliegen“ (Lord oft the Flies) von William Golding, der bereits 1954 erschienen ist. Inhaltlich geht es um einen Flugzeugabsturz, bei dem ausschließlich 6 – 12-jährige Jungen überleben, die auf einer einsamen Insel versuchen, ihr gemeinschaftliches Überleben zu sichern. Der Autor beschreibt in diesem Buch, die Entwicklung einer Gruppe auf sich selbst gestellter Kinder, die – beeinflusst von den Strukturen ihrer zuvor erfahrenen Kultur und Zivilisation – um ihr Überleben kämpfen. Interessant ist, dass sich zwei Führungspersonen herauskristallisieren, die i. d. F. zwei Lager hinter sich vereinen. Hinter Jack, dem Jäger und autoritären Anführer organisieren sich eher die kämpferischen und einfacheren Jungen, hinter Ralph, dem intelligenten und emphatischen Pendant eher die intellektuellen und sozial-integrativen Jungen. Zusehends verändert sich der Überlebenskampf der Kinder auf der Insel, da die zuvor lebensfeindliche Natur als Gefahr immer mehr in den Hintergrund rückt. Am Schluss steht ein Mord.

Für die Realität eines Ernstfalls ist lediglich wichtig zu wissen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und nach Struktur und Sicherheit strebt. Das Problem eines Ernstfalls besteht darin, dass ein oder mehrere Täter unsozial und autokratisch auf ihre Opfer einwirken. Diesem Vorgehen hat das „soziale Ich“ nichts entgegen zu setzen.

 
Das historische ICH

Es ist wissenschaftlich belegt und auch kein großes Geheimnis, dass der von einer Person in seiner Kindheit und Jugend erfahrene Erziehungsstil unmittelbare Auswirkungen auf dessen (Sozial)Verhalten hat. Hierbei wird zwischen dem autokratischen, dem sozial-integrativen und dem laissez-fairen Erziehungsstil unterschieden. Um die Erziehungsstile in ihrer jeweiligen Wirkung unterscheiden zu können, werden sie inhaltlich in ihren Zielformulierungen und ihrer methodischen Umsetzung unterschieden.

Bei einer autokratischen Erziehung werden von den Erziehungsberechtigten sowohl die Ziele bestimmt, als auch die Methoden zur Zielerreichung vorgegeben. Das Kind hat keine autarke Entscheidungsmöglichkeit, eigene Ideen und Gedanken können nicht mit eingebracht werden. Kurz gesagt: Zentrale Punkte sind die „Pflichterfüllung“ und das „Funktionieren“ der Kinder. In pädagogischen Lehrfilmen ist zu sehen, dass sich die Kinder, welche durch die Erzieher im Rahmen des autokratischen Erziehungsstils begleitet werden, sehr ruhig und ordentlich verhalten. Sie vermeiden bestimmte grundlegende kindliche Bedürfnisse, wie Bewegung und Unterhaltung. Fatal daran ist, dass sie die ihnen auferlegten Verbote gleichfalls bei den anderen Kindern kontrollieren. So kommt es gleichfalls zu einer Gruppenkontrolle, nach dem Motto: Den Anderen soll es nicht besser gehen, als mir.

Beim laissez-fairen Erziehungsstil ist es genau anders herum: Den Kindern werden weder Zielvorgaben noch methodische Hinweise gegeben. Die Kinder können nach eigenem Ermessen agieren. Dabei bekommen sie keinerlei kritische Rückmeldungen von den Erziehungsberechtigten, alles ist erlaubt und alles ist gut. Diese Kinder zeigen sich in den pädagogischen Lehrfilmen entsprechend ungeordnet. Sie sitzen irgendwo, bewegen sich irgendwie, Materialien liegen überall herum, man findet keinerlei Struktur. Die Kinder nehmen nur sich selbst wahr und ernst, erkennen die Bedürfnisse der anderen Kinder nicht, weil sie ausschließlich ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen. Manche Kinder springen über Tische und Stühle, manche Kinder laufen weinend und hilfesuchend umher und manche Kinder sitzen resigniert in eine Ecke.

Bleibt der sozial-integrative Erziehungsstil, der sich dadurch auszeichnet, dass er den Kindern Ziele anbietet und sie bei der Methode zur Erreichung dieser Ziele nur dann begleitet, wenn sie nicht weiterkommen und in diesen Fällen auch nur mit einigen wenigen Inputs. Damit werden insbesondere die altersgemäßen Fähig- und Fertigkeiten der Kinder in den Bereichen Problembewältigung, lösungsorientiertem Arbeiten und Teamfähigkeit gefördert. Die Kinder lernen, dass sie durch die Bündelung der Fähig- und Fertigkeiten aller Kinder enorme Vorteile haben. Wenn sich Kinder mit Fragen an die Erziehungsberechtigte wenden, beantworten diese die Fragen nicht direkt, sondern motivieren das Kind durch minimale Inputs, selbst auf die Antwort zu kommen. Diese Kinder sieht man in den pädagogischen Lehrfilmen sehr kreativ zusammensitzend. Sie arbeiten gemeinsam an den ihnen gestellten Aufgaben und sind äußerst motiviert, die jeweiligen Ziele zu erreichen. Die Kinder lernen, aufeinander zu hören und achtsam zu sein, damit sie den Input der anderen Kinder mitbekommen und in ihr Denken einbeziehen können.

  Was daraus resultiert

Die Relevanz für den Ernstfall liegt auf der Hand: Täter werden weniger Probleme mit Personen bekommen, die autokratisch erzogen wurden, da von diesen Personengruppen wenig Kreativität (lösungsorientiertes Denken) zu erwarten ist. Personen, die laissez-fair erzogen wurden, können hingegen erhebliche Probleme produzieren, die i. d. F. Situationen stark negativ beeinflussen können. Hintergrund hierfür ist ihre mangelnde Selbstreflexion und ihre nur begrenzten Möglichkeiten, Situationen lösungsorientiert zu analysieren. Diese Personen neigen eher zu Ego-Trips. Dementgegen haben diejenigen Personengruppen, die in Richtung „sozial-integrativ“ erzogen wurden, ein eher gutes Gefühl für Realitäten und Probleme. Diese Personen denken eher problemorientiert und würden die Gesundheit und das Leben anderer Personen eher nicht zugunsten ihres eigenen Vorteils gefährden.

Hört sich alles sehr konstruiert, plakativ und nach absoluten Vorurteilen an. Ich weiß. Dennoch können Menschen nicht einfach “aus ihrer Haut” und folgen den aus ihrer jeweiligen Sozialisation bewärtem Handwerkszeug. Ob dies dann tatsächlich so offensichtlich ist, wie von mir dargestellt, ist bisher noch nicht untersucht worden. Von daher bitte ich darum, meine diesbezüglichen Überlegungen nicht zu ernst zu nehmen. Allerdings: Kennen Sie vielleicht die Situationen, in denen Sie z. B. in Erziehungsfragen Ihre Kinder genauso behandelten, wie – früher – Ihre Eltern Sie und dies, obwohl Sie sich damals vorgenommen haben, die Fehler Ihrer Eltern bei Ihren eigenen Kindern nicht zu wiederholen? Genau das meine ich. So stark wirkt sich Ihre Sozialisation auf Ihr Verhalten aus. Daran sehen Sie, dass die Sozialisation nichts anderes als eine Programmierung Ihrer Verhaltensweisen ist, um sie damit gesellschaftsfähig zu bekommen.

Ergänzend zu all diesen „ICHs“ möchte ich abschließend noch einmal in Erinnerung rufen, dass es eben auch dieses evolutionäre Programm der Natur gibt, welches Menschen in Krisensituationen erheblich beeinflussen kann und Menschen das tun lässt, was sie unter normalen Bedingungen nie machen würden. Von daher ist es insgesamt sehr schwierig, dass Verhalten von Menschen in Krisensituationen, wie einem Ernstfall, halbwegs seriös vorherzusagen. Allerdings sind es eben genau die oben beschriebenen Komponenten, die uns als Mensch ausmachen.

 

Persönliches Fazit

Die Realität eines Ernstfalles ist alles andere als ein Truppenübungsplatz, auf den Vorgehensweisen, Techniken, Prinzipien und Strategien auf ihren Erfolg getestet werden können. In der Realität kann jeder Fehler zum Verlust der Gesundheit oder des Lebens von einem selbst oder anderen Menschen führen. Mut und Courage sind nur dort angebracht, wo sie angemessen intelligent zum Einsatz kommen können.

In einem Ernstfall wünscht sich natürlich jeder, mutig und couragiert zu agieren. Die Realität des Ernstfalls bedingt es, dass ein Opfer in der Regel mindestens zwei Problemen gegenübersteht: Einerseits mindestens einem Täter, andererseits eben dieser drei oben beschriebenen „ICHS“ in sich. Man steht sich also manchmal – sinnbildlich – auch selbst im Wege.

Jeder Ernstfall ist anders. Im Ernstfall gibt es keine Gesetzmäßigkeiten, die verlässlich sind und an denen man sich orientieren kann. Man kann sich auf einen Ernstfall nicht adäquat vorbereiten. Allein diese Erkenntnis sollte zur Vorsicht mahnen. Außerdem passiert der Ernstfall – aus Sicht des Opfers – in der Regel plötzlich und unerwartet. Täter agieren grundsätzlich mit dem Überraschungsmoment. Auch die Sicherheitskräfte bzw. Sondereinsatzkommandos dieser Welt setzen grundsätzlich auf dieses Überraschungsmoment, womit der Beweis angetreten ist, wie wirkungsvoll diese Strategie in der Realität ist.

Aus Sicht des Täters wurde vorher alles genauestens vorbereitet, der Zufall soll so gut wie möglich ausgeschaltet werden. Ziel ist es, Opfer in eine gefügige und immobile Position zu bringen, aus der heraus so wenig Gegenwehr wie möglich zu erwarten ist.

Kommen wir zu den grundlegenden Erkenntnissen bezüglich der Realität im Kontext der Ausübung eines Kampfsports, einer Kampfkunst und/oder einer Selbstverteidigung: Jedes noch so realistisch initiierte Training stößt unweigerlich an zwei Grenzen. Einerseits des Deals der Trainingspartner untereinander, sich nicht ernsthaft zu verletzen, andererseits am Bewusstsein, sich entweder in einer Trainingsstunde oder einem Ernstfall zu befinden. Hier appelliere ich an den gesunden Menschenverstand, der diese beiden m. E. unumstößlichen Größen als solche verstehen muss.

Bedeutet: Keine Kampfsportart dieser Welt kann aus den o. g. Gründen realistisch auf den Ernstfall vorbereiten, letztlich werden auch Kampfsportler Opfer von Gewalttaten. Nicht, weil sie ihre Techniken nicht richtig zum Einsatz bringen konnten, sondern weil ihnen Täter (im Grunde genommen „die Realität“ des Ernstfalls) keine Möglichkeit dazu ließen. Vielleicht hierzu noch eine ergänzende Überlegung: Nur die wenigsten Opfer bisheriger Ernstfälle trainieren bzw. trainierten einen Kampfsport. Dennoch setzten sich einige Opfer mit Erfolg zur Wehr und dass, obgleich sie nie einen Kampfsport ausgeübt haben. Hier liegt die These nahe, dass die bloße Anwendung von Kampfsporttechniken in der Realität des Ernstfalls nur eine unwesentliche Rolle spielen kann.

Ob Opfer einen Ernstfall überleben, hängt also keinesfalls davon ab, ob sie vorher einen Kampfsport trainiert haben. Auch gibt es keine seriöse Aussage darüber, wie lang ein Kampfsportler überhaupt trainiert haben müsste (bzw. was er können muss), um zumindest eine Chance im Ernstfall haben zu können. Letztlich steht die Erkenntnis: Jemand, der in einen Ernstfall verwickelt wird, benötigt Improvisationstalent und keine vorgefertigte Schablonen.

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