Prävention bei Kindern

Prävention bei Kindern

Viele Vereine und Schulen bieten Lehrgänge und Seminare für Kinder an. Hintergrund ist die Idee, die Kinder intensiver gegen Misshandlungen und Missbrauch zu schützen. Leider beschränken sich diese Lehrgänge bzw. Seminare in der Kampfkunst zumeist “nur” auf die Erlernung von Techniken. Nur vereinzelt wird die lebenspraktische Ebene der Kinder bedient und Gefahrenquellen genauer ausgelotet. Die Anbieter geben sich diesbezüglich zumeist wenig Mühe, sich selbst über die neuesten Entwicklungen und Problemlagen zu informieren.

Sie setzen dabei auf das, was sie können: Ihr Know-How in der Technikanwendung. Das Problem: Die meisten Trainer sind keine Pädagogen bzw. haben keine pädagogische Aus- oder Vorbildung. Damit fehlen ihnen wichtige Voraussetzung und die Fähigkeit, auf pädagogisches Wissen im Bezug auf die Bedürfnisse, die Entwicklungsstufen, das Verhalten und die emotionalen Befindlichkeiten der Kinder zurückgreifen zu können. Ihnen fehlt damit – einfach erklärt – der Schlüssel dafür, die Welt der Kinder aus deren Sicht zu betrachten und zu begreifen. Sie sehen die Welt einzig und allein durch die Brille ihrer Erfahrung als Kampfsportler, die ihre Fähigkeiten und Erfahrungen spiegelt und diese zum Maßstab ihrer präventiven Arbeit mit Kindern macht. Genauso werden in den Vereinen und Schulen auch die Lehrgänge und Seminare für Kinder verkauft: In der Anpreisung der Fähig- und Fertigkeiten, sowie den Erfahrungen des Trainers als Kampfsportler.

In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig, deutlich zu machen, dass es einen Unterschied zwischen mal mit einem Kind umgehen (trainieren) und ein Kind persönlich gezielt in eine gewollte Richtung zu erziehen einen riesigen Unterschied gibt. Fußballerisch erklärt bewegt man sich beim Umgang mit einem Kind in der Kreisklasse und beim Erziehen in der Bundes-Liga. Es geht um eine notwendige Professionalität und nicht um eine sich selbst zugesprochene Qualität, z. B. dass man “…gut mit Kindern kann…”.

 

Die Realität der Gefahr

Kid in AngstDie Welt der Misshandlungen und des Missbrauchs von Kindern lässt sich aber nur in den wenigsten Fällen mit dem Erlernen von Verteidigungstechniken adäquat abhandeln. Vielmehr ist es Realität, das Kinder von ihren Eltern oder nahen Verwandten bzw. Bekannten misshandelt werden, auch werden Kinder viel weniger von dem anonymen “schwarzen Mann” gekidnappt und vergewaltigt. Gerade wenn es um erwachsene Täter geht, sollten entscheidende Fragen beantwortet werden können: Wie praxisnahe sind Techniken im Kampfsport? Wie gelingt der Transfer dieser Techniken zu den Kindern? Wie effektiv können diese Techniken für Kinder in der Anwendung sein, berücksichtigt man die Physis, Psyche und Reife der ungleichen Kontrahenten? Betrachtet man also einen erwachsenen Mann und ein Schulkind im Alter von 6 – 10 Jahren (um mal konkreter zu werden), sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, wer hier wohl den Kürzeren ziehen wird. Und nun ist Kopfkino gefragt: Lässt sich die Schlag- bzw. Trittkraft eines Kindes tatsächlich durch einen Lehrgang bzw. durch ein Seminar vergrößern, sodass es einen erwachsenen Täter davon abhalten könnte, ein Kind z. B. zu entführen? Eigentlich aber wäre die Entscheidende Frage: Würde der Täter überhaupt die direkte Konfrontation mit dem Kind suchen, oder diese lieber umgehen, indem man dem Kind mit irgendeiner Geschickte überfordert?

Mal im ernst: Wer kann sich wirklich vorstellen, dass ein Kind einen Erwachsenen nur durch die Anwendung von Tritten und Schlägen ernsthaft gefährden kann? Wie oben erwähnt wird bei derartigen Fragen ignoriert, dass dieser ominöse “schwarze Mann” nicht planlos agiert. Die meisten Täter wissen, wie sie Kinder täuschen müssen und lassen – wenn überhaupt – die direkte Konfrontation erst zu, wenn die Situation für sie sicher ist. Bedeutet: Kinder haben gegen einen erwachsenen Täter keine Chance, da erwachsene Menschen Kindern prinzipiell in allen Belangen überlegen sind (Physis, Psyche, Reife, Erfahrung, Weitblick, etc.). Wenn ein Kind realisiert, dass es in die Falle gegangen ist, gibt es zumeist kein entrinnen.

 

Was also ist zu tun?

Präventive Arbeit mit Kindern muss also nicht unbedingt gleich etwas mit Kampfsport oder Kampfkunst zu tun haben. Die Botschaft ist: nicht auf eine einzelne, zeitlich limitierte MaßnahmeKid ruft um Hilfe hoffen, sondern auf die stetige Symbiose verschiedener Elemente, Methoden und Institutionen hinarbeiten. Prävention bedeutet, vorbeugend tätig zu werden. Die zu erlernenden, präventiven Elemente und Methoden sollten daher unbedingt auf das Umfeld und die Lebensrealität von Kindern abgestimmt sein und zu mehr Bewusstsein für Gefahren führen.

Zum einordnen: Kampftechniken haben keinen präventiven Charakter sondern werden kurativ eingesetzt, also dann, wenn andere präventive Möglichkeiten – warum auch immer – versagt haben. Erst dann könnte die körperlichen Auseinandersetzung zwischen Mann und Kind Realität werden. Täter suchen sich grundsätzlich leichte Opfer aus und versuchen damit von vornherein ihr Risiko gering zu halten. Gut möglich also, dass die Ausstrahlung von selbstbewussten Kindern Täter eher abschrecken würde. Dies allerdings als Regel bzw. als Lösung anzusehen, wäre m. E. übertrieben. Vielmehr ist hier die Regel, dass es für die Konstellation von Tätern und Opfern keine Regeln bzw. Gesetzmäßigkeiten gibt.

 

Was das mit Erziehung zu tun hat…

So gesehen hat die Erziehung eines Kindes (einschließlich des familiären Umfeldes) schon einen wesentlichen Einfluss auf dessen Gefährdungsgrad, da neben der Erziehung der Kinder zu selbstbewussten Menschen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern eine Schlüsselrolle spielt. Wenn Kinder dass uneingeschränkte Gefühl haben, sich immer ihren Eltern anvertrauen zu können und – umgekehrt – Eltern am Verhalten, den Gewohnheiten und der Körpersprache ihrer Kinder Veränderungen bzw. Auffälligkeiten realisieren und diesen dann aber auch ernsthaft auf den Grund gehen, kann dies bereits als eine kindgerechte Prävention verstanden werden.

Es ist also nicht damit getan, dass ein Kind lernt, “NEIN” zu sagen. Genau genommen, setzten Kinder das Wort “NEIN” in ihrem Leben eher inflationär ein. Entscheidend ist, dass ein Kind dieses “NEIN” als wichtiges Zeichen der Erreichung einer eigenen, persönlichen Grenze einzuordnen und anzuwenden weiß. Inwieweit dann so ein “NEIN” – artikuliert aus einem Kindermund – eine abschreckende Wirkung auf einen Täter haben kann, ist ungewiss. Von daher ist auch das Umfeld einer eventuellen Szenerie gefragt, also die Menschen die vor Ort sind, beobachten und eingreifen können.

 

Noch einmal zusammengefasst

Die Gefahrensituationen für Kinder, die von männlichen Tätern ausgehen (ob fremd oder verwandt), sind zumeist sehr komplex und – aus Sicht der Kinder – weder klar nachzuvollziehen, noch kognitiv zu erfassen. Von daher muss eine präventive Arbeit mit Kindern zum Ziel haben, sie für Gefahrensituationen zu sensibilisieren und mit ihnen konkrete Handlungssequenzen regelrecht einzupauken, wie z. B. die Absprache eines persönlichen Code-Wortes. Sollten Kinder von Fremden angesprochen werden, die behaupten, sie wären von den Eltern geschickt worden, kennen aber das sich täglich wechselnde Code-Wort der Eltern nicht, ist diese Lüge leicht zu entlarven.

Aber auch dies kann nur ein Teil der Arbeit mit Kindern im präventiven Bereich sein, da – um das Beispiel mit dem Code-Wort aufzugreifen – eine Handlungskette bis zum Ende durchdacht werden muss, also bis sich ein Kind real in Sicherheit befindet. Einen weiteren Teil müssen sich die Eltern erarbeiten (Stichworte: Aufmerksamkeit und Vertrauen). Ein letzter Teil müsste durch eine gewisse Sensibilisierung der Gesellschaft bezüglich der Umwelt von Kindern (Stichworte: Aufmerksamkeit, gutes Beobachten und couragiertes Eingreifen) bewerkstelligt werden.

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