Lügen und Betrügen

Lügen und Betrügen

Nirgendwo halten sich Gerüchte so hartnäckig, wird so dreist gelogen und werden so phantasievoll Märchen erzählt, wie im Kampfsport. Ein asiatisches Aussehen, ein schwarzer Gürtel, ein phantasievoller Name für eine Kampfkunst und eine von Erfolgen und Supertaten gespickte, selbstgeschmiedete Vergangenheit, machen die Fassade perfekt.

Diese Ansicht vertritt auch Huang C. Aguilar bereits 1999. Der so genannte „westliche Shaolin-Mönch verarbeitete zu diesem Zeitpunkt in der bekannten Zeitschrift „Kampfkunst International“ (Jg. 1999, 7) seine Erfahrungen, die leider an ihrer Aktualität nichts verloren haben:

Zurzeit verlassen viele Chinesen ihr Heimatland, entweder aus politischen oder aus ökonomischen Gründen – oder wegen beidem. Sie versuchen im Westen ihr Glück und sind sich sehr wohl der Anziehungskraft bewusst, den die asiatische Kultur auf den Westen ausübt, und so versuchen sie, ohne auch nur das geringste darüber zu wissen, das ganze Spektrum ihrer Heimat, Tai Chi, Kung Fu, Akupunktur etc. an den Mann zu bringen. Der wissensdurstige Westler lässt sich nur allzu oft blenden und tappt in die Falle. (…)

Man muss sich auch folgendes vor Augen halten: Ein beachtlicher Teil der chinesischen Bevölkerung hat keinen Zugang zu schulischen Einrichtungen und ein Kampfkunst-Meister wird dort fast wie ein König behandelt. Glauben Sie denn im Ernst, dass jemand so dumm sein kann, einen Ort zu verlassen, wo er die Annehmlichkeiten des Lebens und ein enormes soziales Prestige genießt, um als Koch in einem chinesischen Restaurant oder als Textilarbeiter mit einem lächerlichen Gehalt zu enden? In China glauben die Verantwortlichen immer noch, dass sie die europäische Jugend für dumm verkaufen können, und dass sie auf Knien kommen, wenn ihnen ein chinesischer ‘Meister’ vorgesetzt wird.

Der Sportwissenschaftler und Kampfsportler Dr. Ralf Pfeiffer widmet der „Abzocke im Kampfsport“ sogar ein ganzes Buch. In diesem beschreibt er nicht nur die vielen Märchen, Mythen und Sagen rund um den Kampfsport, sondern widmet sich auch Hochstapeleien, wie z. B. der Vergabe von Titeln und Meistergraden, selbsterfundenen und patentierten Systemen und dem Lügen bei Statistiken.

In meiner eigenen, knapp 40-jährigen Kampfkunst- und Kampfsporterfahrung habe ich viele Lügen, Betrügereien, Abzockereien und Mythen live miterleben können. Von daher wüsste ich gar nicht, wo ich beginnen und wo ich aufhören sollte, davon zu berichten.

Kampfsport vs. Gesellschaft

In vielen anderen Sportartarten wird von staatlicher und gesellschaftlicher Seite aus reglementiert, beobachtet und – notfalls – eingegriffen. Es gibt einheitliche Trainerausbildungen und ein Curriculum hierfür. Ob jemand in einen Fußball-, Turn- oder Schwimmverein in Hamburg oder München Mitglied wird: Überall gibt es das gleiche, seriöse, sportwissenschaftlich begleitete Ausbildungs- bzw. Trainingsprogramm. Nicht so im Kampfsport. Dieser ist in seinen wesentlichen Elementen vollkommen autonom, es gibt nur vereinzelt größere Verbände, unter denen sich einige wenige Kampfsportarten organisieren. Die meisten Kampfsportarten sind in kleineren Verbänden oder gar nicht organisiert. Jeder darf sowohl einen eigenen Verband gründen, als auch eine eigene Kampfsportart erfinden, zusammenstellen oder – seriöser ausgedrückt – konzipieren. Warum funktioniert das nur im Kampfsport?

Eine mögliche These ist die, dass sich kaum jemand mit Kampfsport oder der Kampfkunst und dessen Hintergründe auskennt bzw. beschäftigt. Insofern wird der Kampfsport – von seiner Ideologie her – nicht anders als andere, bekanntere Sportarten behandelt. Es wird einfach davon ausgegangen, dass alles schon seine Richtigkeit hat. Warum auch sollte man von einem Kampfsportanbieter belogen oder betrogen werden? Diese naive Denkweise wird von Berichten aus den Medien buchstäblich untermauert. Entweder werden Kampfsportler als Alleskönner und Superhelden dargestellt oder als überaus gefährliche Prototypen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Man sieht: Egal, ob ein Kampfsportler „gut“ oder „böse“ ist, er ist etwas Besonderes und/oder Geheimnisvolles. Genau diese Botschaft verbleibt im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft.

Hinzu kommt, dass dennoch viele Kampfsportinteressierte der festen Überzeugung sind, sie hätten sich ausreichend informiert und wüssten, wovon sie sprechen. Bei Nachfragen wird dann deutlich, dass z. B. bei den favorisierten Systemen – m. E. steht hierbei das Kickboxen im Ranking weit oben – kein weiteres Wissen vorhanden ist, wenn es z. B. um den Blick auf mögliche Alternativen geht. Eine fachliche Beratung wird häufig durch vorhandene Vorurteile und den festen Glauben an die Richtigkeit des eigenen Wissens zu einer großen Herausforderung.

Warum das so funktioniert

Zusammenfassend sind es mehrere, ineinandergreifende Faktoren, welche die Lügen und Betrügereien im Kampfsport begünstigen: Die kaum reglementierte Kampfsportwelt, in der praktisch jeder eine eigene Kampfsportart und einen eigenen Kampfsportverband erfinden und sich damit einen eigenen Meistergrad verleihen kann. Gründe für diese Vorgehensweisen sind zumeist wirtschaftliche Interessen und die Aufwertung der eigenen Person (z. B. Anerkennung, Ansehen). Hinzu kommt eine Medienwelt, die weniger an der Realität und mehr an der Aufrechterhaltung der Mythen und Sagen des Kampfsportes interessiert ist. Einerseits liest sich das besser, andererseits geht man dadurch Problemen, z. B. aufgrund von Widersprüchen und Klagen, aus dem Weg. Letztlich stößt dies alles auf Interessenten, deren Wissen über den Kampfsport und dessen Zusammenhänge zumeist unzureichend ist (z. B. aus den Medien). Fatal: Manche Interessenten sind von ihren wenigen Kenntnissen so überzeugt, dass sie weiterem Wissen gegenüber ablehnend reagieren.

Was man selbst tun kann

Eine gute und kluge Vorgehensweise für einen Kampfsportinteressent ist es, sich von vornherein gut und umfassend zu informieren. Die wenigsten Kampfsportanbieter verfolgen rein soziale Ziele, hiervon ausgenommen sind gemeinnützige Vereine, die alle paar Jahre vom Finanzamt überprüft werden. Bei Kampfsportschulen und Kampfsportvereinen, die lediglich beim zuständigen Amtsgericht eingetragen sind, gilt es, genauer hinzuschauen. Sich Zeit für eine gute Recherche über die Angebote und Möglichkeiten im Kampfsport zu nehmen, und sich dabei nicht von Meistertiteln, Kampferfolgen, Trainingserfahrungen sowie Meisterschülern und Meistertrainern beeindrucken zu lassen, sollte dabei seine Berücksichtigung finden. Man kann einfach den vielen Versprechungen und Behauptungen nicht trauen und auch Urkunden sind häufig nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

Hilfreich bei einer Recherche ist, die vielen Kampfsportangebote untereinander zu vergleichen und die 3 für sich interessantesten und passgenauesten Angebote (gemessen am eigenen Bedarf, wie z. B. Selbstverteidigung, Wettkampf, Kicken, Werfen, Bodenkampf), die auch in der Umgebung trainiert werden, heraussuchen. Im nächsten Schritt wäre dann der Kontakt zu den betreffenden Kampfsportschulen bzw. Kampfsportvereinen herzustellen, um praktische Trainingseinheiten (Probetrainings) zu absolvieren. Gespräche mit Trainern und anderen Mitgliedern sind ebenfalls ratsam, um die eigenen Eindrücke abzurunden. Achtung: Nicht beim ersten Anbieter „hängen bleiben“, sondern wirklich alle 3 Kampfsportarten kennenlernen. Danach: Alles noch einmal durchdenken und sich dann entscheiden. Klingt alles sehr Plausibel? Natürlich! So, wie man auch beim Kauf einer ganz normalen Jeans mehrere Hosen anprobiert und miteinander vergleicht, sollte man sich auch die Zeit für seine persönliche Sicherheit nehmen.

Wichtig ist, den Fokus auf den eigenen Bedarf zu richten und sich diesen nicht durch Hörensagen, Werbung aus der Zeitung und/oder Berichten aus den Medien diktieren zu lassen. Die vielen Lügereien, Hochstapeleien, Märchen und Mythen im Kampfsport werden mitunter dermaßen geschickt mit der Lebensumwelt verknüpft, dass sie für Außenstehende und selbst auch für seit kurzem praktizierende Kampfsportler nur äußerst schwer zu identifizieren sind. Daher ist Aufmerksamkeit, Wissen und eine gehörige Portion gesunden Menschenverstandes ein gutes Schild gegen diese Lügen und Betrügereien im Kampfsport.

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